BERLIN

Alles Highlights beim Gallery Weekend Berlin 2017

Gut geklaut ist mehr als halb gewonnen, insbesondere wenn man es bei sich selber tut. Der folgende Beitrag lief zunächst und in Vortragsform bei NUN – Die Kunst der Stunde. Ein Phänomen, das in Kunstmedien immer dann geballt auftritt, wenn ein sogenanntes Kunst-Großereignis (Messe, Biennale, ihr wisst schon) bevorsteht: sogenannte Must-See- oder Highlight-Listen. Auch zum jüngsten Gallery Weekend Berlin passierte ein Großteil der Berichterstattung in Listenform, ein angenehm übersichtliches, Orientierung bietendes Format – denkt man. Bis man diese Listenberichterstattung einer kleinen Auswertung unterzieht. (mehr …)

Weiß ist eine reine Erfindung

Die Körperpflegemarke Nivea zog sich jüngst einen kleinen Shitstorm zu, und zwar mit der Werbekampagne für ein transparentes Deo. Der Spruch zum Motiv mit blonder Frau im weißen Bademantel: „White is Purity“. Abgesehen davon, dass sich Nivea nicht zum ersten Mal mit dem Vorwurf einer ethnisch monochromen Denke konfrontiert sieht, müsste doch gerade eine vor allem von Hautpflegeprodukten lebende Marke eigentlich wissen, wie „pure“ denn „white“ so ist… Vielleicht sollten sich die Marketingverantwortlichen für die nächste Kampagne neben einem etwas diversity-affineren Team auch den niederländischen Künstler Ties Ten Bosch als Berater dazuholen. (mehr …)

Warum Tegel bleiben muss

Was, wenn dieser schöne Kaffeebecher alles ist, was von TXL bleibt? TXL-Merchandise von ©www.ilovetxl.de.

Warum auf einem Kunstblog der Aufruf erfolgt, ein Volksbegehren zum Erhalt des Berliner Flughafens Tegel zu unterstützen? Weil jeder vernünftige Mensch, der in dieser Stadt etwas mit Kunst zu tun hat, mit TXL verbunden ist. Klar, nach Basel kommt man auch mit Easyjet von Schönefeld, und die Internationalisierung der Berliner Kunstszene wäre wahrscheinlich auch ohne Tegel erfolgt. Aber jeder Mensch mit sinnlichen und ästhetischen Antennen, und die spricht man ja gerade mit Kunst beschäftigten Menschen zu, muss einfach eine besondere Bindung spüren zu diesem Flughafen, der sich wie kein anderer nach dem „Grower, not a Shower“-Prinzip verhält. (mehr …)

Die Hoosen-Maschine

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen Christian Hans Albert Hoosen kennen und seine Kunst schätzen. Erstaunlich deshalb, weil er selbst nach eigener Aussage mit dem Kunstbetrieb nicht so gern so viel zu tun haben will, jedenfalls nicht mit den Scheißleuten darin, von denen es ja ziemlich viele gibt, aber Gott sei Dank ja nicht nur, und am Ende weiß Hoosen natürlich, dass auch Scheiße geil sein kann. Sagen wir, er pflegt ein leicht ambivalentes Verhältnis zu seiner eigenen Positionierung zu seiner Kunst und der Einordnung derselben durch andere, und es könnte sein, dass seine pimmelig fotzigen Rotzzeichnungen und in Teilzeit-Tourette gefertigten Verbalschlenker eine Art versuchter Übersprungshandlungen darstellen, bloß wegbleiben von den hohen Höhen der Hochkunst, aber das funktioniert nicht ganz, denn seine Malerei gehört zum Besten, was man dieser Tage an Malerei zu sehen bekommt. (mehr …)

Erik Schmidt: Unter Strom

erik-schmidt_rays-around-you_01Struktur kann Freiheit verschaffen, weiß der Freiberufler, nachdem er sich aus seiner Wohnbettlandschaft herausprokrastiniert und ein paar Tage lang to-do-listen-treu am Schreibtisch gearbeitet hat. Struktur kann Freiheit verschaffen, das trifft vielleicht auch im Fall von Erik Schmidt zu, der mit seinem jüngsten Werkzyklus zu einer neuen Freiheit gefunden zu haben scheint, indem er sich in seiner Sujetwahl von Strukturen abhängig gemacht hat. (mehr …)

Das ist nicht witzig!

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©Eran Shakine.

Es gibt viele Dinge, die sind überhaupt und sowas von gar nicht lustig, da macht man keine Witze drüber. Überhaupt, wir leben in einer so schlimmen Zeit, Probleme überall auf der Welt, wo man nur hinschaut, das ist jetzt wirklich nicht die richtige Zeit zum Witzemachen. Aber wenn schon Witze, dann wenigstens über Dinge, die, wenn schon nicht lustig, dann zumindest zum Witzemachen freigegeben sind. Trump zum Beispiel, von Anfang an legitimierter Witzgegenstand, gut, sieht man jetzt, was dabei rausgekommen ist, aber hey, kann keiner sagen, wir hätten nichts zu lachen gehabt. Religion dagegen, auf keinen Fall witzberechtigt. Keine Witze über Religion, niemals, weiß jeder, nicht erst seit der Sache mit den Karikaturen. Keine Witze über Muslime, keine Witze über Juden, keine Witze über Christen. Wobei sich ein Witz über letztere wahrscheinlich witziger auf der ersten Deutschlandausgabe von Charlie Hebdo gemacht hätte als Angela Merkel, die zwar Christin ist, aber das versäumt der Titel leider zu thematisieren. (mehr …)

Wenn die Form sich den Inhalt greift

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Installationsansicht „Die Poesie des Buchhalter – Ulrike Damm, Zeichnungen“, Zitadelle Spandau, Berlin 2016. Diese u. folgende Abb. ©the artist.

Die Designerin Ulrike Damm schrieb drei Bücher. Am Computer. So weit, so unspektakulär. Dann schrieb sie diese drei Bücher ab. Mit der Hand. Auf zum Teil fast meterhohe Bögen Papier. Was nach der sinnfreien Beschäftigung eines manischen Geistes klingt, erweist sich tatsächlich als beeindruckende Perspektive auf das Schreiben als gestalterisches Medium. Was passiert, wenn nicht nur beim Lesen eines Textes Bilder entstehen, sondern schon das Schreiben desselben als visueller Prozess angelegt ist, ist jetzt in einer Ausstellung in der Zitadelle Spandau zu sehen. Holm Friebe traf Ulrike Damm zum Gespräch. (mehr …)

Wie man sich seinen eigenen Katalog finanziert

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©Jonny Star.

Künstler müssen ihre Kunst verkaufen, sonst haben sie kein Geld, um Kunst zu machen. Um ihre Kunst verkaufen zu können, müssen sie sie erstmal zeigen, und auch das kostet Geld. Künstler müssen also Kunst verkaufen, um Geld zu haben, ihre Kunst zu zeigen, um sie verkaufen zu können. Die Künstlerin Jonny Star hat dieses Dilemma mit einer Crowdfunding-Aktion zur Finanzierung ihrer Monografie beim Distanz Verlag ausgehebelt. (mehr …)

Die DDR als Manufactum-Katalog

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M. Weisser, Butterpackmaschine Impulsa, o.J. ©Daily GDR.

Manche Kunst muss erst auf dem Müll landen, bevor sie groß wird. Wie im Fall eines Konvoluts von Fotoabzügen, die der Berliner Grafiker Martin Baaske beim Entsorgen von Papierabfall in einem Altpapier-Container fand. Weil viele davon in Umschlägen steckten oder rückseitig beschriftet waren, konnte Baaske ungefähr einordnen, worum es sich bei seinem Fund handelte: um Presse- und Dokumentarfotografie aus der DDR, zumeist aus den sechziger Jahren, bestimmt zur Abbildung in DDR-Zeitschriften.

Schöne Fotos, erkennt das geschulte Auge auf den ersten Blick. Merkwürdige Fotos, auf den zweiten. Denn offenbar sollten die Bilder vom Alltag in der DDR, von Passanten beim Einkauf, Vereinstreffen, Sportveranstaltungen oder Produktionsstätten die Realität auf ganz besonders reale Weise abbilden – und gerieten so zu Inszenierungen einer Inszenierung. (mehr …)

Sterben wird lebendiger

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Wenn man sich sicher sein könnte, nach dem Tod wirklich tot zu sein, könnte es einem ja egal sein, wie man begraben wird. Aber weil man sich eben nicht sicher sein kann und vielleicht auch der Vorstellung anhängt, das Danach könnte irgendwie mit dem Davor verknüpft sein, ist es schon besser, den eigenen Tod als Teil des eigenen Lebens, des Erlebens mitzudenken. Und deshalb sollte man sich, auch wenn dieser noch nicht so bald einzutreten droht, ruhig ein bisschen intensiver damit beschäftigen, wie das eigene Begräbnis so aussehen könnte. Und damit dazu beitragen, dass das Thema Tod auch im gesellschaftlichen Umgang ein bisschen lebendiger wird. (mehr …)