Die Frau, die auf dem Teppich bleibt und abhebt

Fatma Shanan, „Self-Portrait on Parquet“, 2019. Courtesy the artist and Dittrich & Schlechtriem.

Jede Kultur hat ihren Teppich. Als Bodenbedeckung hat er seinen Ursprung im Orient, in Russland hängt er bis heute am liebsten an der Wand, in Skandinavien besteht er aus Flicken, in den USA liegt er als hochfloriger Bodenbelag sogar im Badezimmer, und Deutschland hat zwar außer „Auslegeware“ keinen eigenen Beitrag zur Teppichkultur zu bieten, dank des seit Jahren wachsenden Teppichsortiments bei IKEA aber trotzdem eine Vorstellung davon, was Teppich ist.

Teppich definiert Raum, bedeutet im Zweifel eine ganze Welt, weshalb der Gebetsteppich auf Wüstensand liegen kann oder im Andachtsraum am Flughafen. Teppich ist Boden unter den Füßen, buchstäbliche Bodenständigkeit, weshalb es absoluten Orientierungsverlust erzeugt, wenn man ihn unter den Füßen weggezogen bekommt. Teppich kann über einen Raum hinausweisen und in neue Räume führen. Wahrscheinlich kennt jedes in einem Haus mit Teppichen aufwachsende Kind das Spiel, nicht auf bestimmte Felder oder Farben treten zu dürfen – weil der Teppich einen sonst verschluckt, wie in Roald Dahls Kurzgeschichte „The Wish“, in der ein Junge sich aufmacht, über einen Teppich zu laufen, ohne dabei zu sterben, denn die roten Felder sind heiße Feuer, die ihn verbrennen, die schwarzen Felder Gruben voller Schlangen, die ihn erwürgen werden, und wer Dahls Geschichten kennt, weiß, wie es ausgehen wird für den Jungen, ohne dass der Autor das Ende explizit beschreiben muss. Teppiche haben es in sich – was immer „es“ ist.

Ein Teppich ist also keine ganz ungefährliche Angelegenheit. Auf dem Teppich zu bleiben ist schwierig, aber empfehlenswert, etwas unter den Teppich zu kehren eher nicht. Teppich schützt, versteckt, erstickt, und manchmal kann er sogar fliegen, dann nämlich, wenn die Person, die drauf sitzt, verstanden hat, dass man sich nicht von einem Raum einengen lassen muss, nur weil man sich darin befindet.

In diesem Fall verstanden, um jetzt endlich mal zum Punkt zu kommen, hat das die Künstlerin Fatma Shanan, Drusin, wie jeder Text über sie erwähnt, erwähnen muss, weil das so schön exotisch ist und außerdem ein wichtiger Hinweis, um Shanans Sujets richtig zu deuten, wobei es sich nämlich ausschließlich um Frauen handelt, oft auf Teppichen, oft in Räumen, und Frauen bekommen in dieser traditionsverhafteten, auf entlegene Orte in Syrien, im Libanon oder in Israel versprengten Glaubensgemeinschaft ihren Platz eben von Männern zugewiesen – aber tja, was soll man sagen, so einfach ist es dann natürlich doch nicht mit der Deutung der Frauensujets. Nicht nur, weil Shanan selbst ihren kulturellen Hintergrund nicht als Ausgangspunkt für die Interpretation ihrer Arbeiten herangezogen wissen will; nicht nur, weil sie ihre Kunst nicht als feministisches Statement betracht; und nicht nur, weil ihre Arbeiten merkwürdig universal lesbar sind, unabhängig von Geschlecht oder kultureller Prägung. Sondern weil die Sache mit der Zuweisung der Räume durch Männer an Frauen grundsätzlich nicht so einfach ist, wie manche Frauen es gern hätten, die es einfacher finden, Männern die Schuld daran zu geben, dass sie nicht vom Fleck kommen, anstatt sich ihre eigenen Räume zu schaffen, ungeachtet der real vorhandenen oder gefühlten Limitationen durch Männer oder sonstige Zwänge, die ja übrigens auch Männer erfahren, wenn es um das Besetzen von Räumen geht. Jedenfalls geht es in Shanans Werken nicht so sehr um das Verhältnis der Frau zu ihrer Rolle in der Gesellschaft, sondern um das Verhältnis des Menschen zum Raum. Natürlich ist Shanan nun mal eine Frau, und natürlich verweist das auf interessante Aspekte wie zum Beispiel den, dass sie mit der Galerie Dittrich & Schlechtriem einen Raum besetzt, dessen Programm bislang massiv männerdominiert ist, aber vielleicht ist ihr Frausein auch schon der einzige Grund dafür, dass sie Frauen wie sich selbst malt.

ps://blitzkunst.files.wordpress.com/2019/04/fatma-shanan_dittrich-schlechtriem_photo-jens-ziehe.jpg“> Fatma Shanan, Installationsansicht „Yellow Skirt“, Dittrich & Schlechtriem, Berlin 2019. Photo© Jens Ziehe.

[/caption]Malerisch scheint das Reiseziel der 33-Jährigen noch nicht ganz klar, man meint, woanders Gesehenes wiederzuerkennen, Anleihen oder Zitate zu sehen, oder vielleicht ein Kondensat von übereinandergelegten Vorbildern, kann aber nicht ausmachen, welche genau das wären. Angesichts der Sicherheit im Sujet wird die Stilsuche umso auffälliger – was allerdings auch ein intendierter Kniff sein könnte, um die universale Lesbarkeit zu unterstreichen. So oder so, die aus den Werken sprechende Aufforderung, seinen Teppich dort auszulegen, wo man sein will und sich damit in Anerkennung und zugleich Ausweitung des ursprünglich zugewiesenen Platzes seinen eigenen Raum zu schaffen, wirkt wie eine Universalformel zum Glück. Angesichts ihrer Kunst beschleicht einen die Ahnung, dass Shanan diese Formel für sich anwendet. Sie wird auf dem Teppich bleiben – sie wird abheben. Eine Ausstellung, die tatsächlich glücklich macht.

Fatma Shanan, „Yellow Skirt“, Dittrich & Schlechtriem, Berlin, bis 13. April 2019

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