Weniger Viele wäre mehr

Viele viele bunte Schokolinsen beim Vielsein (also dabei, das Richtige zu tun). ©CC-BY-SA 2.0/AnemoneProjectors.

In letzter Zeit gilt der Schulterschluss wieder was. Wenn er eine Mehrheit bildet. Und für das Richtige steht. Das Problem ist nur, Mehrheit steht nicht automatisch für das Richtige (müssten zumindest Deutsche eigentlich wissen), weshalb hashtagaffine Initiativen wie „Wir sind mehr“ oder zumindest „viele“ höchstens für die Fehleinschätzung stehen, das von ihnen wie auch immer definierte „Richtige“ werde mit jeder weiteren Stimme, die sich dazu bekennt, noch richtiger – und für eine Beförderung eines gefährlichen Umkehrschlusses: Was nur von Wenigen vertreten wird, ist falsch. Das ist im Fall von rechtsradikalem Gedankengut zwar richtig, haha, aber blöderweise ist es ja so, dass man als in einer Demokratie lebender Geist besser von selbst drauf kommen sollte, was man richtig findet, und dazu braucht es eine gewisse Auswahl und Ermunterung zur eigenverantwortlich individuellen Auseinandersetzung, und da ist es nicht besonders hilfreich, wenn Leuten auf dem Weg zur bürgerlichen Verantwortungswerdung gesagt wird, „Hier, musste gar nicht mehr nachdenken, das hier ist das Richtige, weil die anderen das auch alle richtig finden, keine Sorge, haben wir mit den anderen abgecheckt.“ Für Pubertierende ist es natürlich ein super Mittel gegen mangelndes Selbstvertrauen, wenn sie die gleichen Sneaker tragen wie alle anderen in der Clique auch, aber dass auch Kulturinstitutionen Peer-Kongruenz brauchen…? (mehr …)

Echokammerspiel für Gehry und Scharoun

Hans Scharoun, Architekturphantasie, 1939-1945. Akademie der Künste, Berlin, Hans-Scharoun-Archiv, Nr. 2537.

Hans Scharoun hat die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles gebaut. Nee, die ist natürlich von Frank Gehry, aber ganz im Ernst: In einer aktuellen Ausstellung, die den Bezügen zwischen den beiden Architekten nachspürt, gibt es ein paar Aquarellzeichnungen von Scharoun, die verblüffenderweise aussehen, als seien es Vorstudien zu Gehrys Konzerthaus in Los Angeles. Überhaupt gibt es ein paar äußerst enge Parallelen im Werk von Scharoun und Gehry, und dass beide jeweils eine Philharmonie gebaut haben, ist nur eine davon, wenn auch eine, an der sich die „Zusammenklänge“, so der Titel der Ausstellung im Max Liebermann Haus in Berlin, zwischen den Architekten besonders gut aufzeigen lassen, weshalb die Berliner Philharmonie und die Walt Disney Concert Hall in L.A. darin besonders viel Raum erhalten. (mehr …)

Der Preis ist Kreis

Matthias Planitzer, Detail aus „Untitled (Nature does not calculate)“, 2018.

Wer seiner Verantwortung dem Stellenwert von Kunst in unserer Gesellschaft gegenüber nachkommen möchte, sollte allen Kunstschaffenden grundsätzlich immer empfehlen, noch einen anderen Beruf als das Künstlersein zu erlernen. Pianistin oder Handchirurg zum Beispiel. Abgesehen davon, dass es Kunstschaffende bestimmt sehr gern hören, wenn man ihnen noch einen anderen Beruf zutraut, womöglich einen, in dem sie besser wären als im Kunstmachen, was insofern gut wäre, als sie dann keine Probleme mit Armut bekämen, worin eine rein kunstbasierte Berufslaufbahn ja zwangsläufig endet, ist das zusätzliche Erlernen von kunstfremden Berufen immer auch eine Bereicherung in Bezug auf die Substanz des künstlerischen Schaffens. Wer zum Beispiel neben oder nach oder vor der Kunst noch Medizin studiert, sieht einfach mehr. Mehr Kreise zum Beispiel. (mehr …)

Auf der art berlin bitte das hier kaufen

Ooooh… nee. Sonst alles super auf der art berlin, aber diese Outdoor-Skulpturenabwurfstelle…

Als es während der Aufbautage zur art berlin in den Hangars des Flughafen Tempelhof hieß, die Messe hätte ein Taubenproblem, hatte ich natürlich erstmal so überhaupt keine Lust auf einen Besuch derselben, also ernsthaft, wie kann man nur „Tauben“ und „Problem“ sinnstiftend in einem Satz unterbringen, geschweige denn in einem Wort, und überhaupt, die Möglichkeit von über Sammlerköpfen kreisenden und auf Kunst kackenden Tauben ist ja wohl eher lustig als problematisch, es liebt halt nicht jeder Kunst, manche scheißen drauf, und das ist voll ok. (mehr …)

Für eine Erweiterung des Galeriebegriffs

Neue Vermittlungswege: Gruppenausstellung per Fahrradkurier. „Gallery. Delivery“ von Sebastian Schmieg, präsentiert von Galerie Roehrs & Boetsch. Photo©André Wunstorf.

Als vor ein paar Monaten die Galerie Gillmeier Rech nach fünf Jahren ihre Schließung bekannt gab, ging ein Schauer durch die Berliner Galerienszene: Oh Gott, noch so jung und schon so gestorben! Als kurze Zeit darauf der Galerist Christian Siekmeier verkündete, mit seiner Galerie Exile nach Wien umzusiedeln, befeuerte er damit das ewig hart an der selbsterfüllenden Prophezeiung entlangschrammende Gerücht, in Berlin gäbe es eben keinen galerieexistenzsichernden Kunstmarkt. Und es ist ja nicht nur Berlin. Das Interview mit Jose Freire von der Team Gallery über seine Gründe, fortan keine Kunstmessen mehr zu bestreiten, ging im Frühjahr um die Galerienwelt und ermutigte weitere Galerien, ihr wirtschaftliches Ringen öffentlich zu machen. Wenn man sich so umhört unter Galeristen, könnte man meinen, das Ende der gesamten Branche sei nahe. Aber stimmt das? Warum reagieren Galerien so sensibel auf jede Schließung eines Kollegenunternehmens, als seien sie die nächsten? Warum schaut jede Galerie so intensiv auf das, was die anderen machen? Was ist überhaupt eine Galerie? (mehr …)

Gebrauchsfertige Unikate

Seit einigen Jahren kann man als Künstler wieder was mit Keramik machen, ohne dafür in die Hobbyecke gestellt zu werden. Vorausgesetzt natürlich, was man mit Keramik macht, sieht nicht nach Gebrauchskunst aus, sondern nach Konzeptkunst. Wenn man sich allerdings entschließt, etwas aus Keramik zu machen, das nicht nur nach Gebrauchskunst aussieht, sondern auch explizit als solche zu verstehen und zu verwenden ist, dann sollte man in seinem Künstlersein besser ordentlich gefestigt sein, um angesichts der Fragen, die einem dann unweigerlich gestellt werden, nicht in Selbstzweifel zu verfallen. Fragen wie „Ist das Kunst, die aber nicht wie Kunst aussehen soll?“ „Ist das Nichtkunst, die aber wie Kunst aussehen soll?“ „Machst du jetzt keine Kunst mehr?“ „Machst du trotzdem noch weiter Kunst?“ „Warum sind die Sachen so billig?“ „Warum sind die Sachen so teuer?“ (mehr …)

Kuratieren lernen teuer, aber leicht gemacht

Die hier gezeigte Collage basiert auf Bildmaterial, auf das man stößt, wenn man den „Zertifikatskurs Kuratieren“ des Berlin Career College googelt, ein Weiterbildungsträger für Berufstätige der Universität der Künste. Dem Bildmaterial zufolge ist Kuratieren ein anderes Wort für „Bilder aufhängen“, „Auf vor einem auf dem Boden liegende Bilder schauen“ und „Bilder herumtragen“, und das ist zwar nicht lustig, aber konsequent. (mehr …)

Frauen, hört auf mit dem Erbsenzählen!

©CC0 Creative Commons.

War ja klar. Auch dieses Jahr sind drei Galerien für den VBKI-Preis für Berliner Galerien nominiert, und alle drei haben sich mit Ausstellungsprojekten männlicher Künstler beworben – sowas von klar, dass die reflexhafte Empörung angesichts des Fehlens von Frauen nicht lange auf sich warten ließ. Man könnte meinen, wir seien langsam mal einen Schritt weiter, aber dafür erfahren empörte Hinweise auf weiblich unterbesetzte Künstlerlisten immer noch zu viel Zustimmung im Facebook-Feed.

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Perfekte Exit-Strategie

Isabelle Graeff, „Bunnies & Cakes“, Nr. 17 von 111 Unikaten der Edition „Exit“, 2018. ©www.editionexit.com

Ist es selektive Wahrnehmung, oder verzeichnen wir gegenwärtig tatsächlich eine signifikante Häufung fantastischer Editionen? Egal, Hauptsache, fantastische Editionen. Diese hier zum Beispiel, aufgelegt in Verbindung mit dem jüngst bei Hatje Cantz in Katalogform gebrachten Projekt „Exit“ von Fotografin Isabelle Graeff. Während die eigentlichen Fotoarbeiten, entstanden in England kurz vor der Brexit-Abstimmung unter dem Eindruck eines durch Umbrüche verunsicherten Landes, zwar durch kompositorische und technische Perfektion bestechen, dadurch aber zu viel Distanz entfalten, um als Stimmungsbild oder Kommentar zur Zeit zu funktionieren, tun die Polaroids 1:1 genau das. Das nur bedingt kontrollierbare Ergebnis, die langfristigen Entwicklerreaktionen geschuldeten Veränderungen, das kaum bestimmbare Haltbarkeitsdatum – hier sind Sujet und Medium eins. (mehr …)

Jenseits von prekär: Kunstmachen in Berlin

Einfach so eins zu eins eine Pressemitteilung veröffentlichen? Ein guter Kunstblog tut das nicht. Untenstehend also die Copy-Paste-Veröffentlichung der Pressemitteilung zu einer Studie über die Situation von KünstlerInnen in Berlin, denn die darin genannten Zahlen wirken für sich, die muss man nicht in Interpretations-Blabla einbetten. Der Text ist recht lang, deshalb hier die tltr-Version: Kunst machen lohnt sich finanziell gesehen für Frauen noch weniger als für Männer, und in Berlin noch mal weniger als anderswo. Für tiefergehend Interessierte hier die Mitteilung in voller Länge: (mehr …)