ALLGEMEIN

Graue Mäuse gegen schwarze Ratten

Foto© Andrea Rüter/1000 Gestalten.

Was passiert, wenn man herrschenden Verhältnissen mit Ignoranz und Kritiklosigkeit begegnet, also gar nicht? Dann wird man zu einer grau verkrusteten Gestalt mit leerem Blick und hängenden Schultern, die sich, endlos Endzeitlichkeitsatmo verströmend, müde dahinschleppt, alles kaputt, Wille gebrochen oder nie da gewesen, von Körperfressern ausgehöhlt. Will man das? Nee. Jedenfalls nicht länger als ein paar Stunden. Irgendwann wird das Jucken der grauen Paste auf der Haut doch bestimmt unerträglich, und spätestens dann muss man aufwachen aus der Lethargie und sich das Graue vom Leib reißen, damit das Bunte darunter zum Vorschein kommt, so wie im Film Pleasantville auf einmal Farbe in die heile Schwarzweiß-Welt zu dringen beginnt, quasi als Äquivalent zu Evas Biss in den Apfel vom Baum der Erkenntnis, aber das ist eine andere Geschichte, wo waren wir gleich? Ach ja, bei den „1000 Gestalten“, jener Hamburger G20-Protest-Performance, die zu einer von grauen Mäusen veranstalteten Entertainment-Aktion verkommen wäre, hätten ihr nicht die schwarzen Ratten den Gefallen getan, sie zu einem dann doch wirkungsvollen Kommentar zu erheben. (mehr …)

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Super Enttäuschung am Valentinstag

melgaard-the-purgePaare, die den Valentinstag feiern, haben auch sonst keine gute Beziehung. Zu nichts. Menschen, die den Valentinstag feiern, sind uncool. Menschen, die den Valentinstag überhaupt nur wahrnehmen, sind uncool. Bis auf eine Ausnahme: Bjarne Melgaard. Liebe Leute, wer von euch jetzt gerade in New York ist und um 17 Uhr (EST) noch nichts vorhat: Das hier ist für euch! (mehr …)

Erik Schmidt: Unter Strom

erik-schmidt_rays-around-you_01Struktur kann Freiheit verschaffen, weiß der Freiberufler, nachdem er sich aus seiner Wohnbettlandschaft herausprokrastiniert und ein paar Tage lang to-do-listen-treu am Schreibtisch gearbeitet hat. Struktur kann Freiheit verschaffen, das trifft vielleicht auch im Fall von Erik Schmidt zu, der mit seinem jüngsten Werkzyklus zu einer neuen Freiheit gefunden zu haben scheint, indem er sich in seiner Sujetwahl von Strukturen abhängig gemacht hat. (mehr …)

Das ist nicht witzig!

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©Eran Shakine.

Es gibt viele Dinge, die sind überhaupt und sowas von gar nicht lustig, da macht man keine Witze drüber. Überhaupt, wir leben in einer so schlimmen Zeit, Probleme überall auf der Welt, wo man nur hinschaut, das ist jetzt wirklich nicht die richtige Zeit zum Witzemachen. Aber wenn schon Witze, dann wenigstens über Dinge, die, wenn schon nicht lustig, dann zumindest zum Witzemachen freigegeben sind. Trump zum Beispiel, von Anfang an legitimierter Witzgegenstand, gut, sieht man jetzt, was dabei rausgekommen ist, aber hey, kann keiner sagen, wir hätten nichts zu lachen gehabt. Religion dagegen, auf keinen Fall witzberechtigt. Keine Witze über Religion, niemals, weiß jeder, nicht erst seit der Sache mit den Karikaturen. Keine Witze über Muslime, keine Witze über Juden, keine Witze über Christen. Wobei sich ein Witz über letztere wahrscheinlich witziger auf der ersten Deutschlandausgabe von Charlie Hebdo gemacht hätte als Angela Merkel, die zwar Christin ist, aber das versäumt der Titel leider zu thematisieren. (mehr …)

Wenn die Form sich den Inhalt greift

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Installationsansicht „Die Poesie des Buchhalter – Ulrike Damm, Zeichnungen“, Zitadelle Spandau, Berlin 2016. Diese u. folgende Abb. ©the artist.

Die Designerin Ulrike Damm schrieb drei Bücher. Am Computer. So weit, so unspektakulär. Dann schrieb sie diese drei Bücher ab. Mit der Hand. Auf zum Teil fast meterhohe Bögen Papier. Was nach der sinnfreien Beschäftigung eines manischen Geistes klingt, erweist sich tatsächlich als beeindruckende Perspektive auf das Schreiben als gestalterisches Medium. Was passiert, wenn nicht nur beim Lesen eines Textes Bilder entstehen, sondern schon das Schreiben desselben als visueller Prozess angelegt ist, ist jetzt in einer Ausstellung in der Zitadelle Spandau zu sehen. Holm Friebe traf Ulrike Damm zum Gespräch. (mehr …)

Wie man sich seinen eigenen Katalog finanziert

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©Jonny Star.

Künstler müssen ihre Kunst verkaufen, sonst haben sie kein Geld, um Kunst zu machen. Um ihre Kunst verkaufen zu können, müssen sie sie erstmal zeigen, und auch das kostet Geld. Künstler müssen also Kunst verkaufen, um Geld zu haben, ihre Kunst zu zeigen, um sie verkaufen zu können. Die Künstlerin Jonny Star hat dieses Dilemma mit einer Crowdfunding-Aktion zur Finanzierung ihrer Monografie beim Distanz Verlag ausgehebelt. (mehr …)

Preiswert: Das Hirn von Sir Norman Foster

Diese Geschichte hier ist total unwichtig, für deutschsprachige Leser zumindest, denn a) passierte sie schon vor ein paar Wochen und b) gab es keinerlei Berichterstattung in deutschsprachigen Medien. Dass sie so unwichtig ist, macht sie aber interessant, denn immerhin spielen die nicht gerade unwichtigen Personen Marina Abramović und Sir Norman Foster die Hauptrollen darin. Beziehungsweise, das Hirn von Sir Norman Foster, wenn auch nicht sein echtes, sondern eine naturgetreue Nachbildung in Form einer goldfarbenen Skulptur, gestaltet von Marina Abramović zusammen mit einer hirnförmigen Kopfbedeckung mit unzähligen kleinen LED-Leuchten. (mehr …)

Die DDR als Manufactum-Katalog

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M. Weisser, Butterpackmaschine Impulsa, o.J. ©Daily GDR.

Manche Kunst muss erst auf dem Müll landen, bevor sie groß wird. Wie im Fall eines Konvoluts von Fotoabzügen, die der Berliner Grafiker Martin Baaske beim Entsorgen von Papierabfall in einem Altpapier-Container fand. Weil viele davon in Umschlägen steckten oder rückseitig beschriftet waren, konnte Baaske ungefähr einordnen, worum es sich bei seinem Fund handelte: um Presse- und Dokumentarfotografie aus der DDR, zumeist aus den sechziger Jahren, bestimmt zur Abbildung in DDR-Zeitschriften.

Schöne Fotos, erkennt das geschulte Auge auf den ersten Blick. Merkwürdige Fotos, auf den zweiten. Denn offenbar sollten die Bilder vom Alltag in der DDR, von Passanten beim Einkauf, Vereinstreffen, Sportveranstaltungen oder Produktionsstätten die Realität auf ganz besonders reale Weise abbilden – und gerieten so zu Inszenierungen einer Inszenierung. (mehr …)

Wir müssen leider draußen bleiben

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Rick Bartow hat es nicht geschafft. Er ist nur „one of the hundreds of thousands of minor painters with a work or two hanging in a few museums“. Rick Bartow ist Maler, aber kein namhafter. Er ist „non-notable“, zumindest in den Augen der Wikipedia-Wächter. Und damit ist er nicht allein. Unzählige Einträge zu Personen von möglicherweise öffentlichem Interesse landen bereits kurz nach Veröffentlichung im Autoren-Diskussionsforum „Articles for deletion“ – und die meisten überleben das nicht. (mehr …)