Unendliche Reflexion: Monir Shahroudy Farmanfarmaian

Klar mag ich Kunst. Ich schaue mir regelmäßig welche an. Ich könnte stattdessen auch Netflix gucken, aber Kunst scheint die bessere Alternative. Ist anspruchsvoller, bildender, horizonterweiternder. Stimmt ja aber gar nicht. Die meiste Kunst, die ich angucke, hat genau die gleiche Wirkung wie Netflixen. Angucken, Spaß haben, vergessen. Was ich mit Kunst verbinde, ist wahrscheinlich nur zu einem sehr geringen Teil Begeisterung und zu weiten Teilen eher ein wohliges Gefühl von Geläufigkeit. Was auch voll ok ist. Vielleicht braucht es sogar den regelmäßigen Gang durch die Schule der Geläufigkeit, um die wahrhafte Begeisterung spüren zu können, und vielleicht bin ich auch einfach nur zu faul oder zu abgeklärt dafür, aber vielleicht auch nicht, denn sonst wäre ich nicht so traurig über den Tod von Monir Shahroudy Farmanfarmaian, die ich zwar nur einmal sehr kurz gesehen habe und deren Ableben mit 97 Jahren auch nicht wirklich überraschend kam, aber der ich tatsächlich so etwas wie eine lebensverändernde Erfahrung verdanke, genauer, dem ersten Kontakt mit ihren Arbeiten.

Das war 2013 in Dubai, in der Third Line Gallery, diese Spiegelobjekte. Wie Logos für egal was, für nichts oder für alles, Modemarken oder Geheimbünde. Archaische Science-Fiction, östlich-westliche Emblematik, oberflächenverliebter Tiefenrausch, akribisch verarbeitete Unendlichkeit, ein konzentrierter Rausch. Ein Gefühl von Wiedererkennen von etwas Unbekanntem, vielleicht wegen dieses Oszillierens zwischen Struktur und Auflösung, aber jedenfalls ein absoluter Glücksmoment, ein Moment nur für sich.

Natürlich ist der Spiegel ein dankbares Medium, als Gehilfe der Reflexion und Selbsterkenntnis, Kunst mit oder aus Spiegel macht sich jeden, der sie betrachtet, automatisch zum Komplizen. Aber die Arbeiten von Farmanfarmaian wirkten so, als wäre es ihnen völlig egal, betrachtet zu werden, als stünden sie über jedem menschlichen Versuch einer Reflexion, was natürlich Bullshit ist, denn natürlich hat Monir Shahroudy Farmanfarmaian ihre Kunst nicht einfach nur so unmotiviert egal dahinproduziert, und natürlich ist ihr wie wenigen KünstlerInnen gelungen, persische Bildkonzepte einem „westlichen“ Publikum zugänglich zu machen, und natürlich ist es der aus der Betrachtung folgende Reflexionsprozess, der diesen Werken einen bleibenden Platz in der Kunst sichert. Hoffentlich. Denn jetzt ist Monir Shahroudy Farmanfarmaian tot. Von englischsprachigen Medien vermeldet, hat in Deutschland noch kein Medium berichtet, was nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass es sich hier um eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts handelt, eine weltenverbindende, weltumspannende Position, die hoffentlich eine postume Retrospektive auch in Deutschland erhalten wird.