So war es in Venedig – von zuhause aus

Laure Prouvost mit dem Französischen Pavillon Anwärterin auf den Goldenen Insta Win.

Wer nicht zu den Eröffnungstagen der Biennale nach Venedig gefahren ist, hat entweder mit FOMO zu kämpfen gehabt oder die himmlische Ruhe genossen, zumindest in Berlin war der Abzug der halben Kunstwelt positiv spürbar. Die Sache mit dem FOMO ist aber leicht zu überwinden: Man muss nur ein paar Accounts auf Instagram und die ersten Pressestimmen verfolgen und wird erleichtert feststellen, dass die Eröffnungstage der Venedig Biennale zum einen nicht wirklich wegen der Kunst (die geht man eh besser im September oder Oktober anschauen, dann ist man ganz allein mit ihr) und zum anderen jedes Mal auf genau die gleiche Art ablaufen, mit denselben Leuten in den gleichen Situationen, und zwar in drei Kapiteln:

Kapitel 1: Ankunft  Die eigentliche Ankunft in Venedig wird eingeleitet durch die auf Facebook gestellte Frage, wer alles kommende Woche in Venedig sein wird – das sind natürlich alle, weshalb man sich diese Frage auch sparen könnte, aber da alle nach Venedig fahren, kommuniziert man sicherheitshalber nachdrücklich, dass man zu denen gehört, die wirklich nach Venedig fahren. Am Montag, spätestens Dienstag postet man, dass man auf dem Weg nach/in Venedig gelandet ist. Die eigentliche Ankunft erfolgt durch Post eines Fotos aus der

Sujet-Kategorie A: Fahrt mit Wassertaxi (Motiv mit Passagieren, wenn bekannte Kunstweltgesichter, sonst ohne, gern Rückansicht auf Heckwelle, zur Sicherheit italienische Flagge am Boot sichtbar mit aufs Fotos nehmen, Video mit Schwenk über Lagune optional) oder Vaporetto (hier volle Freiheit der motivischen Ausgestaltung, Hauptsache Kanal und Venedig klar erkennbar).

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….on the road

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Venedig-Bilder aus der Kategorie „Ankunft“ zeigen grundsätzlich keine Kunst, sondern eben entweder die o.g. Sujet-Kategorie A oder eine der folgenden Kategorien.

Sujet-Kategorie B: Veduten (Kanalansichten, idealerweise von Brücke oder Wasser aus, Ufersicht suboptimal, Canal Grande mit weiter Perspektive, Seitenkanäle gern als Close-up und mit Fokus auf Genrefaktor „pittoresk“) – Ganz wichtig beim Posten der Veduten: Unbedingt eindeutig als Venedig identifizierbare Ansichten schießen, besonders wenn alle anderen schon so viele Venedigbilder gepostet haben, dass den Followern zuhause an den Smartphones langweilig zu werden droht. Hier ein schönes Beispiel aus der Sujet-Subkategorie „Canal Grande“ mit Zusatzgehalt „bei Nacht“, dessen Deutungsambivalenz in den Kommentaren entsprechend diskutiert wird.

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💙

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Und hier ein Beispiel aus der Subkategorie „Seitenkanäle“, hier sehr schön gelungen die selbstironische Erkenntnis der Fotografin, die Sujetanforderung vollumfänglich erfüllt zu haben (Text unterm Post lesen).

 

Sujet-Kategorie C: Essen (Motiv egal, Hauptsache italienisch) Zeit, sich gemütlich irgendwo hinzusetzen, nehmen sich die wenigsten, während der Eröffnungstage gilt es, auf dem Sprung zu sein, weshalb die meisten Essens-Posts entweder der Sujet-Subkategorie „performativ“ (z.B. von Rirkrit Tiravanijas Kochperformance) oder „auf dem Sprung“ zuzuordnen sind. Die Subkategorie „Lunchpause mit Freunden“ wird dagegen kaum bespielt.

 

Kapitel 2: Kunst und Spiele  Ab dem ersten Eröffnungstag posten alle ihre Highlights auf Instagram, aber die schlauesten Kommentare kommen von der Seitenlinie auf Facebook („What’s the most wasteful climate change-themed work in Venice?“). Angesichts der Highlight-Posts zeigt sich, dass die Geschmäcker erstaunlicherweise doch so divergieren, dass am Ende der Eröffnungstage jeder Pavillon und jede Ausstellung mindestens einmal als Highlight auftaucht, wenn auch einige so viele Mehrfachnennungen auf sich vereinen, dass sie als Highlight-Highlights gelten können. Welche das dieses Jahr sind, erkennt man ganz leicht, wenn man die Posts unter den Hashtags #venicebiennale, #bestofvenicebiennale2019 usw. scannt. Dieses Jahr ist das neben den außer Wettbewerb laufenden, aber unvermeidlichen, weil very instagrammable Händen von Lorenzo Quinn, die bei der letzten Biennale noch gespenstisch aus dem Kanalwasser nach einer Hausfassade griffen und jetzt nur noch, also nee, aber jedenfalls dieses Jahr wird der mögliche Insta Winner neben Jannis Kounellis in der Fondazione Prada und dem Mösentotem von Kim Lemsalu im Estnischen Pavillon als Runner Up wahrscheinlich die Umweltverschmutzung von Laure Prouvost werden, was natürlich insofern nachvollziehbar ist, als da auch Tauben auftauchen, und Tiere gehen ja eh immer, auch und erst recht in der Kunst, wie man an diesem schönen Beispiel sieht, in dem ein Hund die Strand-Installation im Litauischen Pavillon so sehr bereichert, dass man sich nicht vorstellen mag, wie erdrückend sie ohne ihn wäre.

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Deep see blue surrounding you 💙 #laureprouvost

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Event-technisch sollte man ein privates Dinner in einem Palazzo vorzuweisen haben, auf dem nicht all die anderen auch eingeladen sind, wenn man seinen Insta-Feed personalisieren will (blöd nur, wenn man hinterher von den Gastgebern gebeten wird, die schönen Posts wegen Wahrung der Privatsphäre wieder zu löschen, weshalb jetzt hier kein Beispiel gezeigt werden kann), ist aber ehrlich gesagt auch egal, sehen ja eh alle gleich aus, die Palazzi, wenn man nur hingeht, um sich einen reinzutun. Apropos reintun: Da es dieses Jahr ziemlich kalt ist und regnet, gibt es viel weniger Fotos von gegen das Sonnenlicht gehaltenen Aperol Spritz‘.

Kapitel 3: How To, Best Of und erste Besprechungen – Pressestimmen  Das Kapitel 3 gehört der medialen Rezeption, die sich vor allem den o.g. Kategorien zuordnen lässt. Erste Besprechungen kann sich jeder selbst ergoogeln, zu empfehlen auf jeden Fall schon mal Boris Pofalla zum deutschen Pavillon in der WELT, und zu den ersten beiden Kategorien hier je ein Beispiel:

How To: The Art Newspaper ist sich im Beitrag “How to survive the Venice Biennale, according to the art world” tatsächlich nicht zu schade, höchst wertvolle Tipps zu teilen, zum Beispiel den, dass man besser flache als hohe Schuhe tragen oder keine Verabredung in 30 Minuten vereinbaren soll, wenn der Treffpunkt zwei Stunden entfernt ist.

Best Of: Hier brilliert wie so oft im Bereich Bestenlisten Artsy mit „The Venice Biennale’s 10 Best Pavilions in the Arsenale and Giardini”, allein schon der Titel ist Gold wert, und auch der Hinweis darauf, dass, wer sich einen Überblick über das aktuelle Geschehen in der Kunst weltweit verschaffen wolle, dafür am besten die Länderpavillons anschauen gehen solle, ist super hilfreich.

So. Das wäre also die Venedig Biennale 2019 aus Perspektive der Eröffnungstage. Wer sich vor allem für die Kunst interessiert, fährt hin, wenn alle wieder weg sind, oder gar nicht. Denn Venedig ist überall.