NICHT GUT

Graue Mäuse gegen schwarze Ratten

Foto© Andrea Rüter/1000 Gestalten.

Was passiert, wenn man herrschenden Verhältnissen mit Ignoranz und Kritiklosigkeit begegnet, also gar nicht? Dann wird man zu einer grau verkrusteten Gestalt mit leerem Blick und hängenden Schultern, die sich, endlos Endzeitlichkeitsatmo verströmend, müde dahinschleppt, alles kaputt, Wille gebrochen oder nie da gewesen, von Körperfressern ausgehöhlt. Will man das? Nee. Jedenfalls nicht länger als ein paar Stunden. Irgendwann wird das Jucken der grauen Paste auf der Haut doch bestimmt unerträglich, und spätestens dann muss man aufwachen aus der Lethargie und sich das Graue vom Leib reißen, damit das Bunte darunter zum Vorschein kommt, so wie im Film Pleasantville auf einmal Farbe in die heile Schwarzweiß-Welt zu dringen beginnt, quasi als Äquivalent zu Evas Biss in den Apfel vom Baum der Erkenntnis, aber das ist eine andere Geschichte, wo waren wir gleich? Ach ja, bei den „1000 Gestalten“, jener Hamburger G20-Protest-Performance, die zu einer von grauen Mäusen veranstalteten Entertainment-Aktion verkommen wäre, hätten ihr nicht die schwarzen Ratten den Gefallen getan, sie zu einem dann doch wirkungsvollen Kommentar zu erheben. (mehr …)

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Schwerer Blocken, dieser Jerry Saltz

saltz

Jerry Saltz, du alter Kritikerhaudegen, nimmst kein Blatt vor den Mund, lässt dich von nichts und niemandem einschüchtern, hast diesen nie versiegenden Mut zur Provokation, und wenn Facebook dich mal für ein explicit visual sperrt, sagst du, Facebook, du alter Magerquark, du kannst mir nix, und postest ein doppeltpenetrierendes visual, und dann freuen sich alle, auch Facebook, weil du dafür sorgst, dass überhaupt noch was passiert hier – von wegen… (mehr …)

Preiswert: Das Hirn von Sir Norman Foster

Diese Geschichte hier ist total unwichtig, für deutschsprachige Leser zumindest, denn a) passierte sie schon vor ein paar Wochen und b) gab es keinerlei Berichterstattung in deutschsprachigen Medien. Dass sie so unwichtig ist, macht sie aber interessant, denn immerhin spielen die nicht gerade unwichtigen Personen Marina Abramović und Sir Norman Foster die Hauptrollen darin. Beziehungsweise, das Hirn von Sir Norman Foster, wenn auch nicht sein echtes, sondern eine naturgetreue Nachbildung in Form einer goldfarbenen Skulptur, gestaltet von Marina Abramović zusammen mit einer hirnförmigen Kopfbedeckung mit unzähligen kleinen LED-Leuchten. (mehr …)

Sommerpause war aber ganz schön lang dieses Jahr

sommerpause

Nach fast drei Monaten Sommerpause kann BLITZKUNST seine Existenz nicht länger leugnen. Bis zur Berlin Art Week ist es gerade mal noch eine Woche, höchste Zeit also, sich wieder warm zu schreiben. Und zwar mit einem Blick ins über den Sommer erfolgreich ignorierte Email-Postfach. All die Hinweise auf tolle Kunst, die wegen Ausstellungsende nicht mehr zu sehen ist, all die Newsletter mit Stories über hochinteressante Skandale, an die sich einen Tag nach Bekanntwerden keiner mehr erinnert, all diese Nachrichten zu lesen, die zu Irrelevanz verkamen, weil sie nicht vor Ablauf ihres Haltbarkeitsdatums konsumiert wurden, das schafft ein irres Gefühl von Freiheit – egal, egal, alles egal gewesen, bedeutungslos, einflusslos, egal. Dann aber auch wieder nicht. Weil die Erkenntnis von der Egalheit einhergeht mit der Erkenntnis darüber, was für ein schöner Luxus es ist, Egales für wichtig erachten zu können. (mehr …)

Ist das Schreiben über Kunst umsonst?

Kunstkritiker können nicht vom Schreiben leben, Kunstmagazine werfen keinen Gewinn ab… Ist das Schreiben über Kunst zum unbezahlten Zeitvertreib verdammt?

Geldelephant

„Wer über Kunst schreibt, kann in der Regel nicht davon leben.“ Das sagt die Kunsthistorikerin und Autorin Ana Finel Honigman in einem Interview dem Whitewall Magazine. Honigman weiß, wovon sie spricht. Sie schrieb jahrelang für Kunst- und sogenannte Lifestyle-Magazine, darunter viele unabhängige Publikationen, jene Sorte Publikationen also, die ohne die Finanzierung eines Großverlages auskommen müssen und ihre Autoren und Fotografen statt in leistungsgerechten Honoraren in „Sichtbarkeit“, „Image“ oder „inhaltlicher Freiheit“ bezahlen. Das ist ok, It takes two to tango, wer sich auf solche Deals einlässt, weiß in der Regel, was er davon hat. Allerdings zahlen selbst solche Magazine schlecht, die von amerikanischen Medienmogulen oder russischen Oligarchen verlegt und finanziert werden. Denn in jenem Teil der Medienlandschaft, in dem es um Kunst geht, oder um „independent“, oder um ästhetisch ganz weit vorn sein, da lässt sich kein Geld machen, sowas ist schwierig zu vermarkten, und überhaupt, weiß doch jeder, dass man sich mit Kunst nicht beschäftigt, um Geld zu verdienen, sondern weil man will, dass das Schöne in der Welt bleibt, oder vielleicht noch wegen der tollen Parties; die ganzen Galerieassistenten, die alle freiwillig für Hungerlöhne arbeiten, weil das nunmal so ist in der Kunstwelt, können das sicher noch besser erklären, aber jedenfalls, was ich sagen wollte: Honigman hat recht, und jeder weiß es, aber warum scheint jeder zu glauben, dass man nichts daran ändern kann? (mehr …)

Ai Weiwei ist nicht zu retten

Ai Weiwei Cinema for Peace

©www.instagram.com/aiww

Ernsthaft Kunstinteressierte hatten jahrelang kein Problem mit Ai Weiwei. Schließlich war es sehr leicht, seine Kunst zu ignorieren, ihr Spektakeleffekt verhinderte ein Eindringen in tiefere Schichten des Kunstbetriebs, sie verblieb stattdessen an der Oberfläche einer Medienberichterstattung, die sich darauf verständigte, Ai Weiwei gut zu finden sei ein Ausdruck dafür, schlimme Dinge schlimm zu finden. Und weil die Menschenrechtsverletzungen des chinesischen Regimes so richtig schlimm waren, fand man Ai Weiwei so richtig gut. Auch die Flüchtlingskrise ist so richtig schlimm, und deshalb ist Ai Weiwei so richtig… (mehr …)

Mehr Licht! Oder überhaupt mal welches!

Illumination Körnerpark_Traumzeit

Simulation der Lichtinstallation „Traumzeit“ im Körnerpark. ©Design Boris Matas/WerkStadt e.V. via Facebook

Eigentlich eine tolle Sache, die Ausschreibung einer Lichtkunstinstallation für den Neuköllner Körnerpark. Gut, dass an Budget für die Illumination eines ganzen Parks lediglich 3.000 Euro zur Verfügung gestellt wurden, hat sicher den einen oder anderen Künstler von der Bewerbung abgehalten, aber wer sich auf diese Ausschreibung bewarb, gab damit seine Überzeugung zum Ausdruck, auch mit 3.000 Euro zurechtzukommen. Ihr Scheitern an der Aufgabe kann die Gewinnerin des Körnerpark-Lichtprojektes, Karin Albers, also nicht im Nachhinein mit einer zu geringen Budgetierung entschuldigen. Ein Gutes hat die Sache um die groß angekündigte „Illumination“ des Parkes, die in kläglichem Gefunzel endete, aber doch: die Kommentare auf Facebook. (mehr …)

Was wird da für ein schmutziges Spiel gespült!

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Es wird ja jede Menge schmutziges Geschirr gewaschen in der Spülenbranche – und wo es schmutzig ist, klar, da ist die Kunst natürlich nicht weit. Deshalb ist es grundsätzlich erst einmal weder verwunderlich noch verwerflich, wenn in einer Galerie, sagen wir zum Beispiel bei Johann König, ein paar Spülen stehen. Die machen Spaß, die kann man gut anschauen, und sie sind totally relational und laden auf spülerische Art zur Interaktion ein. Wenn es denn was Schmutziges zum Spülen gibt. Was ja wie gesagt in der Kunst schon mal der Fall ist. Aber kann eine Spüle selbst Kunst sein? Anscheinend nicht. Kunst ist nämlich etwas Originäres. Die Spülen bei Johann König aber, die sind nicht originär, sondern nachgemacht. Spülenplagiate! (mehr …)

Lucien Smith kaputt gefeiert

Bronx Party Lucien Smith

Die Party-Location in der Bronx. Links bei den Säulen ein Obdachloser mit Pappkarton-Behausung. ©www.welcome2thebronx.com

Eine A-Lister-Party mit Obdachlosen-Motto (dunkle Location, brennende Mülltonnen und so) zu veranstalten erfordert schon ein bisschen Mut zur Geschmacklosigkeit. Richtig eklig wird’s aber erst, wenn diese Party in einem Stadtviertel stattfindet, für dessen Bewohner Obdachlosigkeit eine reale Bedrohung bis Realität bedeutet. Es lässt sich aber noch eins draufsetzen: Indem die Party von Immobilienentwicklern gesponsert wird, die in diesem Viertel die Abschaffung von bezahlbarem Wohnraum vorantreiben. Und die kleine Kirsche auf diesem herrlich abgefuckten Kuchen: Gegeben wird die Party zu Ehren eines Übererfolgskünstlers der Stunde, nämlich Lucien Smith. Der kürzlich erst verkündet hatte, in Zukunft alles richtig machen zu wollen. Im Sinne von richtig falsch? (mehr …)

Ich hab’s für Yoox getan

Yoox-Bonami-you-make-it

Jetzt macht auch Modeonlinehändler Yoox was mit Kunst. Einen Kunstwettbewerb nämlich, und der klingt auf den ersten Blick erst einmal gar nicht so unvernünftig: Künstler (oder Menschen, die sich für solche halten) sind aufgerufen, eine Arbeit zum Thema „Wasserglas“ zu produzieren, welche die Essenz dieses so universalen Gegenstandes erfasst – klingt banal, ist aber gar nicht so blöd gedacht. Präsentiert wird – auch nicht so blöd – der „You Make It“ betitelte Wettbewerb von einem respektablen Kunstwelt-Schwergewicht, Francesco Bonami. Trotzdem gibt es an der Sache etwas auszusetzen. (mehr …)