Was ist da los, Jüdisches Museum?

Jüdisches Museum Berlin. Photo© Jens Ziehe/Courtesy JMB.

Mit einem Tweet wies er sich laut öffentlicher Wahrnehmung als Antisemit und Befürworter der Israel-Boykott-Bewegung BDS aus, und vielleicht ist Peter Schäfer das absurderweise tatsächlich und hat deshalb am 14. Juni seinen Posten als Direktor des Jüdischen Museums in Berlin berechtigterweise aufgeben müssen. Vielleicht war sein Fehler aber auch nur, diskursaffin agieren und damit eine zeitgemäße Museumspraxis befördern zu wollen.

Der fragliche Tweet, den Schäfer unter dem offiziellen Museums-Account als #mustread absetzte, verlinkte auf einen Artikel in der taz, der über eine Stellungnahme gegen die BDS-Verurteilung durch den deutschen Bundestag berichtet.

 

Der Tweet selbst ist weder als antisemitisch noch als BDS-unterstützend zu lesen, sondern stimmt der Vermutung zu, dass eine BDS-Verurteilung durch den deutschen Bundestag das Problem des wachsenden Antisemitismus in Deutschland nicht lösen werde, was durchaus stimmen könnte, macht man es sich in Deutschland doch gern leicht damit, lieber schöne leuchtende Zeichen zu setzen als sich an die Wurzeln von Problemen zu machen, weil das Ausrupfen derselben halt Jahre dauert und voll mühsam ist und leider nicht so öffentlichkeitswirksam, weshalb der Antisemitismus ungestört weiter wuchern wird, obwohl nee, kann ja gar nicht sein, denn hey, die Politik hat ja richtig was getan dagegen mit ihrem Zeichensetzen!

Aber zurück zu Schäfers Tweet und der möglichen Absicht dahinter: Könnte es sein, dass der Museumsdirektor einfach nur aufzeigen wollte, dass die Dinge nicht immer so einfach schwarz-weiß sind, wie sie scheinen oder gern gesehen werden wollen? Ist er vielleicht einer von der Sorte, für die es zur Arbeit an und mit einem Museum gehört, Haltung zu zeigen, Fragen zu stellen, Reaktionen zu provozieren? Auch als Individuum, und damit auch mit Ecken, Kanten, Ambivalenz und nicht unbedingt nur als neutraler Verwalter eines institutionellen Programms? Findet er womöglich die BDS-Kampagne genauso fies, wie man sie finden sollte, wenn man noch alle Latten am Zaun hat, wollte aber einen Diskurs, womöglich einen kontrovers geführten stimulieren über den womöglich nicht ganz so erfolgversprechenden Versuch, Boykottforderer und Israelhasser durch „Verurteilung“ dazu zu bringen, keinen Boykott mehr zu fordern und Israel nicht mehr zu hassen? Wollte er, schluck, einen Diskurs, vielleicht sogar einen kontroversen stimulieren? Wollte er womöglich den Gegenstand seines Museums mit dem echten, wahren Leben da draußen verknüpfen?

Das geht natürlich gar nicht! Zumindest in Deutschland sollen Museen nämlich immer noch lieber still und bewahrend das Schöne, Gute und Richtige zeigen, anstatt sich im nicht immer ganz sauberen Gewusel der Realität zu verfangen. Deshalb heißt es in der offiziellen Pressemitteilung auch, Schäfer sei am 14. Juni diesen Jahres von seinem Posten zurückgetreten, „um weiteren Schaden vom Jüdischen Museum Berlin abzuwenden“. Oh Gott ja, nicht auszudenken, was für einen Schaden es anrichtet, wenn Menschen diskutieren, sich streiten, und wenn dabei nicht immer sofort ganz klar ist, auf welcher Seite jemand steht, wie soll dann das nett zahlende, aber in der Summe ja leider nicht besonders schlaue Publikum einordnen, womit es da zu tun hat! In der Erklärung heißt es abschließend: „Alle Verantwortlichen müssen dazu beitragen, dass sich das Jüdische Museum Berlin wieder auf seine inhaltlich wichtige Arbeit konzentrieren kann.“ Ja klar, bloß schnell wieder Ruhe reinbringen, nachher redet man noch über uns!

Dieser Fall ist gruselig. Nicht, weil ein Museumsdirektor seine Haltung zum Nahostkonflikt nicht klar und institutionskonform kommuniziert (ob er tatsächlich mit antisemitischen Strömungen sympathiert, ist durch nichts belegt, und aktuell gibt es einige Stimmen, die sich mit Schäfer solidarisieren). Sondern weil es keine Transparenz über den Vorgang gibt, weil es kein offizielles Statement von Schäfer selbst gibt (zum Fall selbst und den Vorwürfen gegen ihn äußerst er sich noch vor seiner offiziellen Hutnahme in diesem SPIEGEL-Interview), und vor allem weil der Umgang mit dem Fall zeigt, wie antiquiert und reaktionär die deutsche Kulturpolitik mit ihrer Infrastruktur umgeht, allen voran Frau Grütters mit ihrem sonnenköniglichen Gebaren.

Wenn wir keinen transparenten Diskurs um Inhalte und die Haltungen der diese Inhalte vermittelnden Personen in der Museumslandschaft führen können, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn Kunst in diesem Land keine gesellschaftlichen Impulse setzt.