Echokammerspiel für Gehry und Scharoun

Hans Scharoun, Architekturphantasie, 1939-1945. Akademie der Künste, Berlin, Hans-Scharoun-Archiv, Nr. 2537.

Hans Scharoun hat die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles gebaut. Nee, die ist natürlich von Frank Gehry, aber ganz im Ernst: In einer aktuellen Ausstellung, die den Bezügen zwischen den beiden Architekten nachspürt, gibt es ein paar Aquarellzeichnungen von Scharoun, die verblüffenderweise aussehen, als seien es Vorstudien zu Gehrys Konzerthaus in Los Angeles. Überhaupt gibt es ein paar äußerst enge Parallelen im Werk von Scharoun und Gehry, und dass beide jeweils eine Philharmonie gebaut haben, ist nur eine davon, wenn auch eine, an der sich die „Zusammenklänge“, so der Titel der Ausstellung im Max Liebermann Haus in Berlin, zwischen den Architekten besonders gut aufzeigen lassen, weshalb die Berliner Philharmonie und die Walt Disney Concert Hall in L.A. darin besonders viel Raum erhalten.

Auch wenn diese Zusammenklänge nicht gemeinsam komponiert wurden, machen sie Gehry ein bisschen zu einem Berliner Architekten, so dass selbst wer kein Fan seiner gigantischen Kurven und Falten ist, kurz bedauern mag, dass er vor rund 20 Jahren den Wettbewerb zur erweiternden Gestaltung der Berliner Museumsinsel nicht gewonnen hat (hierzu lesenswert der Beitrag von Evelyn Wöldicke im Begleitkatalog). Das Wettbewerbsmodell jedenfalls, das Gehry eigentlich niemals der Öffentlichkeit zeigen wollte, was es als Exponat in der Ausstellung umso wertvoller macht, sieht man mit anderen Augen, wenn einem bewusst wird, wieviel Scharoun es enthält.

Frank Gehry, finales Wettbewerbsmodell, 1994. ©Stiftung Brandenburger Tor/Foto Frank Sperling.

Überhaupt sind die Modelle in der Ausstellung super, der „Pferdekopf“, der innere Raumkörper der DZ Bank, sieht als Modell viel kraftvoller aus als in echt (da die Bank praktischerweise schräg gegenüber vom Max Liebermann Haus liegt, kann man sich davon gleich nach Besuch der Ausstellung überzeugen), und die Prozessmodelle von Gehry wirken als eigenständige skulpturale Arbeit. Die wunderbaren Aquarelle von Scharoun wurden bereits erwähnt, und die krakeligen Gehry-Skizzen schaut man sich auch gerne an. Leider verleihen Details wie z.B. die Tische, auf denen die Modelle stehen, von der Wand hängende Infoposter, Wandbetextungen oder mit Spraykleber an die Wand geklatschte Dokufotos der Ausstellung ein bisschen was von der Atmo, wie sie Stellwandausstellungen in der Bankfiliale einer Kleinstadt verströmen, was extrem schade ist und die Entfaltung der eigentlich von der Ausstellung intendierten Wirkung – nämlich Zusammenklänge zu erzeugen – entgegenwirkt. Trotzdem funktioniert die Zusammenführung, und dann gibt es noch einen schönen Neben- bzw. Folgeeffekt: Nach der Ausstellung schaut man die Berliner Philharmonie kurz an, als sähe man sie zum ersten Mal.

Und jetzt noch ein kleiner Fun-Fact-Nachtrag: Klaus-Peter Schuster. Hat nichts von seinem Selbstdarstellungsdrang eingebüßt. Ergreift das Wort, wo, wann und wie lange es ihm passt. Nach einer nicht gerade kurzen Einführungsrede im Rahmen der Pressevorbesichtigung brachte er es fertig, während der gesamten Führung durch die Kuratorinnen Maristella Casciato und Emily Pugh durch störende Gespräche mit anderen nicht an der Führung interessierten und dieser dennoch beiwohnenden Menschen aufzufallen, die er nur unterbrach, wenn er das Gefühl hatte, die durchaus weitreichenden Ausführungen der Frauen um eine ichbezogene Zugabe erweitern zu müssen. Als Vorstand der Stiftung Brandenburger Tor, Träger der Ausstellung im Max Liebermann Haus, hatte er natürlich jeden Grund, ein paar Worte zu sagen, aber wer den sozialen Gepflogenheiten der Gegenwart entsprechend lebt, weiß, dass die Regel „Wenn der Kuchen redet, haben die Krümel Pause“ auch dann gilt, wenn der Kuchen weiblich ist und passt sein Kommunikationsverhalten entsprechend an.

„Frank Gehry – Hans Scharoun: Strong Resonances / Zusammenklänge“, eine Ausstellung der Stiftung Brandenburger Tor in Kooperation mit dem Getty Research Institute, Max Liebermann Haus, Berlin, 9. November 2018 bis 20. Januar 2019