Das Fünf-Säulen-Prinzip der Berlin Art Week

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Thomas und Renée Rapedius, Installationsansicht „Arcadia Unbound“. Photo© Michael Klaus.

Jedesmal, wenn die Berlin Art Week vorbei ist, legt sich kurz eine dunkle Wolke über die Gemüter (das BLITZKUNST-Gemüt hat gut zwei Wochen gebraucht, sich wieder aufzuhellen, weshalb dieser Text zwei Wochen zu spät kommt, aber immerhin kommt überhaupt mal wieder einer), ein Gefühl der Erschöpfung und der Enttäuschung darüber, dass dieses Prinzip der Aufmerksamkeitsverstärkung durch Event-Clusterung wieder einmal nicht funktioniert hat. Dass man wieder nur einen Bruchteil des Angebots hat wahrnehmen und wieder nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit auf das eigene Projekt hat vereinen können, das kann einen fertigmachen. Aber auch 2016 wird es wieder so werden wie dieses Jahr und die Jahre zuvor. Dass die Berlin Art Week seit ihrer Gründung einem immergleichen Muster folgt, hat allerdings auch sein Gutes. Wer weiß, was auf einen zukommt, nämlich im Wesentlichen die folgenden fünf Programmpunkte, muss keine Angst mehr vor Überforderung haben.

1 Die abc als Trendbarometer

Die abc ist die Kunstmesse (man darf ja mittlerweile „Messe“ sagen), die ihre Betrachter mehr liebt als ihre Käufer. Wechselnde Raumstrukturen anstatt generischer Messekojen, Einzelpositionen statt Wundertütenstände, das sorgt für Orientierung und für ein Gefühl wie auf einer Fashion Week oder im Mode-Showroom: alle führenden Kollektionen auf einem Haufen und man weiß, wohin die Reise geht in der Kunstmode. In diesem Jahr gespottete Trends: Post-Internet-Zeug auf dem Weg zur Erkenntnis, schon zum Produktionszeitpunkt veraltet auszusehen, Archäologie-Referenzen (vielleicht als Versuch, dem Schicksal zu entgehen, schon zum Produktionszeitpunkt veraltet auszusehen) und Raster. Und Kunst ohne Farbe. Und – ein Trend, der sich erst andeutet, aber sehr nachhaltig wirken wird – Datenvisualisierungen. Wer übrigens Beständigkeit braucht, muss nur in den hinteren Messebereich gehen, wo in einer von Betonwänden gesäumten Sackgasse jedes Jahr eine skulpturale Arbeit die Messe in erhabener Distanz zum Geschehen in Einzelhaft verbringt.

2 Der Publikums-Liebling/Überraschungserfolg

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Ingo Gerken, Installationsansicht „Arcadia Unbound“, photo© Michael Klaus.

Es gibt zu jeder Art Week die eine Ausstellung, die man unbedingt gesehen haben muss, die man im Vorfeld aber nicht unbedingt auf dem Schirm hatte. Bei „Arcadia Unbound“ war der Fall nicht zuletzt deshalb schon ab der Vorankündigung klar, weil es sich beim Ausstellungsort mit dem Funkhaus Nalepastraße um so berühmte wie wenig gesehene Räume handelt und die Künstlerliste vielversprechend bestückt war. Wobei großartige Orte für Kunst schnell auch zu ganz schwierigen Orten werden können, weil ihre Großartigkeit alles, was in ihnen passiert, zu überstrahlen droht. Oder weil sich die Kunst in ihrem Glanz sonnen will. Es ist dem entspannten Umgang der Kuratoren mit dem Ort zu verdanken, dass alles so „Easy“ wirkte wie die gleichnamige Intervention von Ingo Gerken, die dem Fußboden aus schwerem Reichskanzlei-Marmor mit leichtem PVC-Marmor-Imitat entgegentrat und stellvertretend für das auf die meisten Platzierungen der Werke angewandte Prinzip stehen mag: In Beziehung setzen zu den vorgefundenen Gegebenheiten und trotzdem Raum wie Werk den eigenen Tanzbereich lassen.

3 Das konzertierte Ausstellungsprojekt der Großinstititutionen

Dass sich der Kunstauftritt der Deutschen Bank in Berlin von der Guggenheim getrennt hat, befördert offenbar den Willen zu Kooperationen mit Berliner Institutionen, was vielleicht wiederum dazu beitrug, dass das diesjährige konzertierte Ausstellungsprojekt mehr Sichtbarkeit erlangte als sonst. Normalerweise kann man sich den Besuch desselben ja immer für nach der Berlin Art Week aufsparen. Die Komplexität des Ausstellungsgegenstands von „Stadt/Bild“ hätte sich eh nicht im Art-Week-kompatiblen Häppchentalkformat abbilden lassen. Umso erstaunlicher, dass der Programmpunkt „Konzertierte Großausstellung“ in diesem Jahr doch so stark wahrgenommen wurde. Vielleicht geht es doch nicht immer nur um Spektakeldeko.

4 Tischtennis-Turnier „Monopol Masters“

Monopol Masters

©www.monopol-magazin.de

Nicht nur das von der Zeitschrift Monopol ausgerichtete Tischtennis-Turnier an sich ist eine Konstante der Art Week, es bringt mit Alexander Iskin auch jedes Jahr denselben Gewinner hervor. Dabei wurden dieses Jahr die Regeln geändert, es wurde gemischtes Doppel gespielt, was auf jeden Fall mehr Leben ins Spiel brachte und bitte nächstes Jahr wieder so gehalten werden soll, aber es sollte zusätzlich noch folgende Regeln geben: 1. Man darf nicht mit seinem Lebenspartner antreten, auch wenn man sich nicht vor dem Turnier gestritten hat. 2. Für Alexander Iskin wird eine eigene Turnierklasse eingerichtet, in der er allein und gegen sich selbst um den Alexander Iskin Gedächtnispokal antritt. Die Tischtennisplatten brauchen nächstes Jahr übrigens nicht wieder von Rirkrit Tiravanija gestaltet zu werden, den Teilnehmern ist eh immer klar, dass sie Teil einer sozialen Skulptur sind.

5 Der Social-Hangover

Dinner und Party120Egal, welches Programm man sich zurechtlegt, man trifft an jedem Tag der Art Week dieselben Menschen. Man fragt sich, wäre ich zu Eröffnung X statt zu Y gegangen oder zum Dinner A statt B, hätte ich dort wohl auch dieselben Menschen getroffen? Wahrscheinlich schon. Dass man während der Art Week jeden Menschen jeden Tag mindestens dreimal trifft, egal wohin man geht, hat nämlich einen Grund: Alle Menschen, man selbst eingeschlossen, sind während dieser Zeit dreifach vorhanden, um auf allen wichtigen Events für einen Augenblick gesichtet werden zu können. Mal einen Tag Pause zu machen, unvorstellbar. Hier zeigt sich, dass sich das Kontaktverhalten in Bezug auf andere Menschen wesentlich unterscheidet zum Kontaktverhalten in Bezug auf Alkohol: Kein normaler Mensch, der sich letzte Nacht ganz schlimm an Tequila betrunken hat, wird am nächsten Abend wieder Tequila trinken wollen. Statt aber den Social-Hangover auszukurieren, wird er solange durch den nächsten Social-Rausch betäubt, bis die Art Week vorbei ist.

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