Das Autohaus als Hort sozialer Mobilität

Preis Neue Nationalgalerie BMW_01

Warum es völlig ok ist, dass die Nominierten für den Preis der Neuen Nationalgalerie für junge Kunst 2015 in einem Autohaus bekannt gegeben werden

Gastgeber kritisiert man nicht, denn die Geste des Gastgebens allein ist über jede Kritik erhaben. Wenn sich der Gastgeber allerdings selbst kritisiert, darf man als Gast ruhig mit einfallen. Weshalb die folgende Rezension der Shortlist-Feier zum Preis der Neuen Nationalgalerie für junge Kunst bei BMW am gestrigen Abend auch kritische Spuren enthält.

Der Gastgeber selbst in Form seines Repräsentanten Thomas Girst nämlich machte klar, dass er die alle zwei Jahre begangene Feier zur Ankündigung der Preisnominierten lieber in einem Musentempel statt in einem Autohaus begehen würde, und zwar mit so wahren wie selbstkritisch lässig ausgesprochenen Worten: „Die Subtilität ihres Auftritts steht für die Souveränität einer Marke.“

Tatsächlich mokieren sich die Leute ja jedes zweite Jahr aufs Neue, dass sie für die Shortlist-Party ins Autohaus müssen. Aber eine Welt, in der Volltrottel, Proleten und Asoziale mit Selbstverständlichkeit willkommen sind, eine Welt, in der man es als Optiker zum Museumsdirektor schaffen kann, so eine Welt zeigt ein derart ausgeprägtes Maß an sozialer Mobilität, dass eigentlich zu erwarten wäre, dass nicht nur Menschen, sondern auch Räume mit Toleranz bedacht würden. Aber nein, dafür ist der Geist dieser Welt dann irgendwie doch nicht mobil genug.

Den toleranteren Geister unter den Gästen allerdings war klar: Noch in den tiefsten Niederungen einer ästhetisch unberührten Gebrauchsarchitektur lassen sich Spuren künstlerischen Schaffens ausmachen. Wer genauer hinschaute, dem konnte nicht verborgen bleiben, dass es sich beim Ensemble aus Deckenbeleuchtung, Diskokugeln und Fadenvorhang um eine kollaborative Installation von Angela Bulloch und Monica Bonvicini handelte, erstere Nominierte, letztere Gewinnerin des Preises im Jahr 2005. Die kreisrunde Anordnung ganz klar ein Verweis auf die Sphäre als Konstante in Bullochs Werk, die Diskokugeln als clubkulturell basierter Verweis auf die so facettenreichen wie fragilen Verläufe von weiblichen Künstlerkarrieren, und der Vorhang, in dessen Fäden sich immer wieder Gäste verfingen, als eine von Bonvicini berührend subtil inszenierte Form der Fessel als geschlechterübergreifendes Machtinstrument.

Wer nach der offiziellen Vorstellung der Nominierten – Christian Falsnaes, Florian Hecker, Anne Imhof und Slavs & Tartars – noch blieb, konnte Zeuge weiterer künstlerischer Eingriffe werden. Wobei, Halt, auch die Verkündung selbst schien Gegenstand einer künstlerischen Intervention zu sein. War einer der Redner, Udo Kittelmann nämlich, nicht von Tino Sehgal (nominiert 2007) instruiert worden, den Auswahlprozess durch die Jury als „wild und anarchisch“ und damit als imaginäres performatives Konstrukt zu beschreiben? War die schauspielerisch brillante Geste, mit welcher Kittelmann dann vorgab, nicht zu wissen, ob er das Mikrofon an seinen Folgeredner abgeben oder dieses selber von der Bühne tragen sollte, nicht ein von Danh Vo (nominiert 2009) inspirierter Bruch mit der Konditionierung durch fraglos übernommene Kulturtechniken?

Nach den Rednerakten wurde die Installation von Bulloch und Bonvicini aufgenommen und aufgebrochen durch weitere künstlerische Eingriffe, darunter eine Lichtinstallation (vielleicht von der 2011 nominierten Kitty Kraus?) und eine offiziell von der Engtanzparty-Reihe, eigentlich vielleicht aber von Cyprien Gaillard (ebenfalls nominiert 2011) inszenierte Party-Installation mit Musik und Herzluftballons. Siehe hier eine Vergleichssituation, einmal ohne, einmal mit „Party“-Eingriff:

Wohin man also auch schaute, überall war Kunst. Autos dagegen waren lediglich in Form von höchst subtilen Verweisen präsent, wie etwa der Rolls Royce-Kühler als Digitaldruck auf einer Fassade im Außenbereich. Angesichts einer so zurückgenommenen Präsenz des Sponsors blieben die toleranten Geister unter den Gästen natürlich völlig entspannt, siehe hier eine Beispielsituation:

Preis Neue Nationalgalerie BMW_04

Fazit: Es ist völlig egal, ob eine Kunstparty in einem Musentempel oder Autohaus stattfindet. Der Genius Loci ist überbewertet. Es ist der Genius Humanus, der Genius Artis, der Genius Mobilitatis, der was draus macht. Es ist alles eine Frage der eigenen Partizipationswilligkeit.

2 Kommentare

  1. Ich finds völlig OK wenn ein Autohaus Kunst supportet, letztendlich dreht es sich um die Kunst und um die Schaffenden. Ein freier Schaffender kann dankbar sein um jeden Support, ganz gleich ob ein Wirtschaftsunternehmen seine Marke damit neu positionieren möchte.

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