Wenn die Form sich den Inhalt greift

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Installationsansicht „Die Poesie des Buchhalter – Ulrike Damm, Zeichnungen“, Zitadelle Spandau, Berlin 2016. Diese u. folgende Abb. ©the artist.

Die Designerin Ulrike Damm schrieb drei Bücher. Am Computer. So weit, so unspektakulär. Dann schrieb sie diese drei Bücher ab. Mit der Hand. Auf zum Teil fast meterhohe Bögen Papier. Was nach der sinnfreien Beschäftigung eines manischen Geistes klingt, erweist sich tatsächlich als beeindruckende Perspektive auf das Schreiben als gestalterisches Medium. Was passiert, wenn nicht nur beim Lesen eines Textes Bilder entstehen, sondern schon das Schreiben desselben als visueller Prozess angelegt ist, ist jetzt in einer Ausstellung in der Zitadelle Spandau zu sehen. Holm Friebe traf Ulrike Damm zum Gespräch.

Holm Friebe: Ich persönlich hasse ja Ausstellungen, wo man sehr viel Text lesen muss. In deiner Ausstellung gibt es ausschließlich Text. Warum sollte ich sie mir trotzdem anschauen?

Ulrike Damm: Ich erwarte nicht, dass man den Text vollständig liest. Ich stelle mir vor, dass es dem Besucher ähnlich geht, wie es mir beim Zeichnen der Texte gegangen ist.
Ich hatte keine Vorstellung, wie es werden würde, als ich anfing, das erste Manuskript abzuschreiben. Ich wusste nur, ich will es machen, will wissen, wie sich ein Text über den Verlust von Sprache und über das Vergessen zeichnen lässt, und wie er dann aussieht. Und tatsächlich kann man das Vergessen sehen.

damm-buchhalter_02Am Anfang war ich beim Zeichnen vorsichtig. Ich hatte Respekt vor dem, was ich sagen wollte, vor den ausformulierten Sätzen, die einer Dramaturgie folgten und einen Sinn ergaben. Ich wollte, dass man alles lesen kann, jeden Buchstaben, aber der Inhalt des Erzählten weigerte sich. Er wollte etwas anderes und machte sich selbständig und dann entstand etwas, das neben dem Lesen lag. Die Form machte sich bemerkbar, sie griff sich den Inhalt, wie sie ihn haben wollte. Sie nahm keine Rücksicht auf einzelne Zeichen, die wir Buchstaben nennen, sie provozierte den Ausdruck, den sichtbar emotionalen Zugang. Und dann habe ich verstanden, dass es nicht mehr um Lesbarkeit ging, sondern um die große Form, die nicht nach dem Einzelnen fragt, sondern nur da ist, in aller Unerbittlichkeit, riesig, massiv, rücksichtslos; gleichzeitig verzweifelt, klein und unbeholfen.

Meine Hoffnung ist, dass man beim Betrachten hin und her springt, vielleicht irritiert ist. So viel mit der Hand Geschriebenes ist man ja gar nicht mehr gewöhnt. Das kommt einem heute ja fast schon indiskret vor. Es ist ja auch diese Masse an einzelnen Karten und Blättern, die einem im ersten Moment viel Geduld abverlangt. Aber dann hoffe ich auf den Blick von außen, bei dem man die Form wahrnimmt und versteht, dass das, was ich da sehe, nicht darauf angelegt ist, alles zu lesen.

HF: Du hast den Text als grafisches Rohmaterial benutzt; gleichzeitig ist es nicht irgendein Text, sondern es sind drei Romane, die Du geschrieben hast in den letzten vier Jahren. Und jede Art der Aufbereitung spiegelt den Charakter des jeweiligen Romans wieder. Kannst du das erläutern?

UD: Der erste Roman heißt „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“, da geht es um eine Frau, die ihr Gedächtnis verliert, und wenn man die Texte sieht, nimmt man zunächst ein Bild wahr, in dem ein Durcheinander ist, ein Unbehagen. Irgendetwas passiert da, eine ungute Dynamik, eine Verzweiflung. Dann gibt es die inhaltliche Ebene und man geht näher ran und fängt an Passagen herauszugreifen und sie zu entziffern.

HF: Es geht um eine Frau, die allmählich dem Alzheimer und dem Gedächtnisverlust, dem Nichts anheim fällt.

UD: Das Wort Alzheimer kommt im Roman nicht vor. Aber ja, sie verliert alles.

HF:  Und das ist sehr eindringlich nachvollziehbar, anhand des Wegrutschens der Schrift.

UD: Ja, das Wegrutschen aber ist nur ein Beispiel. Man sieht den ganzen Prozess, den sie durchlebt, während sie realisiert, dass mit ihr etwas geschieht, das sie nicht steuern kann. Ich habe mich sehr intensiv der Davor-Zeit gewidmet, bevor man alles verliert, alles, was man mal gelernt hat. Diese Zeit ist für die Betroffenen die grausamste Zeit. So merkt auch die Protagonistin des Romans, die an meine Mutter angelehnt ist, dass irgendwas ganz und gar nicht stimmt. Sie erlebt für sich selbst ungewohnte Dinge und macht sie innerhalb der Familie zum Thema. Die allerdings beschönigt und redet klein, denn sie hat die Entscheidung getroffen, ihr besser zu verheimlichen, dass sie unheilbar krank ist. Dass die Familie es gut mit ihr meint, ist das Pech der Protagonistin und macht sie zu einer einsamen Frau, die mit niemandem reden kann. Ich habe das selbst erst spät verstanden und unsere familiäre Entscheidung in Zweifel gezogen. Daraus ist der Roman entstanden und viele Fragen, die sich aus der Idee heraus ergeben, Dinge aus Liebe zu tun.

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HF: Ich habe das Gefühl, an der Schrift sieht man eine wachsende Panik. Und dieses Gefühl vermittelt sich eher handschriftlich, oder wie sollte man so etwas setzen?

UD: Das geht nur mit der Handschrift. Sie ist ja etwas sehr Essentielles und wenn man diese 94 fast meterhohen Blätter nebeneinander sieht, dann ist man erschlagen von der Wucht, die sie haben.

HF: Im zweiten Roman geht es um eine Frau, die sich zunehmend entzieht, ein weiblicher Bartleby-Charakter, der sagt, „I would prefer not to“. Du hast gesagt, es ist nicht deine Handschrift, sondern eine etwas simulierte…

UD: Sie ist etwas heruntergefahren.

HF: Was natürlich die Frage aufwirft, inwieweit das autobiographisch inspiriert ist.

UD: Die Romane sind ja alle ich und auch nicht ich, und die Schrift ist auch ich und nicht ich. In beiden Romanen kommt natürlich ein Teil von mir vor, aber literarisch verfremdet, vieles auch ergänzt und erfunden. „Musik stört beim Tanzen“ heißt der zweite Roman. Darin geht es um eine Person, die sich ihr Leben lang zurückgenommen hat, um eine Frau, die wie viele im zweiten Weltkrieg geborene Frauen unter ihren Möglichkeiten geblieben sind und die, obwohl sie klug und begabt waren, in der Gesellschaft nicht haben landen können, im Sinne eines anerkannten, ausgefüllten Lebens. Irgendwann fingen sie an, darunter zu leiden, weil sie erkannt haben, das alles Tun zu nichts führt, nicht zu Erfolg oder Zuspruch. Deswegen ist das Herunterfahren der Schrift auch ein Gestaltungsmittel, das Unterdrückte und die permanente Unterschätzung zu zeigen. Die Schrift zeigt aber auch das Bemühen, den gelangweilten Eifer, genannt Fleiß, das sich dauernd Anstrengenmüssen und das Formwahren. Dagegen wehrt sich die Protagonistin irgendwann, indem sie aufhört zu sprechen und im Heim sitzt und nur noch im Tagebuch kommentiert, was sie erlebt hat und erlebt.

HF: Aufbereitet ist dieser Roman als Tagebuch von 1,5 Jahren. Als Bild sind das 900 Zettel und tatsächlich hat man nicht den Eindruck, dass dort, also verglichen mit dem ersten, viel passiert in der Schrift, sondern es ist von Anfang bis zum Schluss sehr kontrolliert.

UD: Ja, man sieht den psychischen Kampf auf andere Weise. Da macht es diese unerbittliche Masse an Zetteln, dieses Tag-für-Tag-Schreiben-Müssen und sich mitteilen, das sich Auseinandersetzen mit der Situation und wieder ein Zettel und wieder und wieder und wieder. Die Zettel stehen alle auf schwarzem Karton, und diese schwarze Wand, die sich da vor einem auftut, das hat etwas von Aussichtslosigkeit.

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HF: Eine Eiger-Nordwand aus Schrift.

UD: Ja, das ist eine Eiger-Nordwand von unerbittlicher Bedrohlichkeit. Einerseits. Andererseits folgen die Blätter einem Tages-Rhythmus, fast spielerisch sind sie in Gruppen zusammengestellt. Es entstehen Ballungen, Vereinzelungen, Akzente, nachlässig geklebt, manchmal ein bisschen schräg, teilweise sind sie verschmiert oder angerissen. Und so entsteht ein Blätter-Tanz, da passt der Titel: „Musik stört beim Tanzen“. Und dann sieht man plötzlich, dass trotz dieser schwarzen Masse und dieser Menge von Zetteln ein Spiel dahintersteht. Es setzt sich durch, irgendwie. Trotz allem. Und darum geht es in dem Roman.

HF: Obwohl die Protagonistin so runtergedimmt ist: irgendwas schwingt da noch.

UD: Irgendwas schwingt da noch, und es endet ja auch durchaus hoffnungsfroh.

HF: Der dritte Roman ist eine Zweiergeschichte aus zwei Perspektiven, eine schwierige Paarbeziehung, die nicht in einem Rosenkrieg explodiert, sondern in Schrift implodiert, kann man sagen.

UD: Ja, diese Implosion in Geschriebenem ist das Thema das Romans. Ein Ehepaar. Der Mann zieht Linien. Die Frau sagt, warum schreibst du keinen Text, du ziehst immer nur Linien, das ist doch idiotisch. Sie findet, er macht ungeachtet ihrer Meinung seltsame, dumme Dinge. Die haben immer zu tun mit Karten, Papier, mit Bleistiften, mit dem Spitzen derselben, mit Blättern, die er hinlegt, mit Schubladen, die leer sind. Für sie ist das manisch und dieses Manische habe ich verschriftlicht auf Karteikarten und auf Trennkartons von Leitz-Ordnern.

HF: Der Mann ist, würde ich sagen, typisch Mann: pedantisch, ordnungsliebend, das ist auch der titelgebende Titel der Ausstellung.

UD: „Die Poesie des Buchhalters“, ja.

HF: Findet sich in diesen Karteikarten, findet der Mann zur Poesie? Für mich ist es so eine Art Genazino-Charakter, der fast autistisch sein ganz eigenes Weltverhältnis dort auslebt.

UD: Das könnte man vermuten. Die Art, wie er über die Dinge spricht und mit welch scheinbarer Wichtigkeit er sie dann umsetzt – er bügelt auch seine Hemden selbst und erklärt ihr dann, wie man das zu machen hat, er hat also überall genaue Vorstellungen –, macht sie verrückt. Andererseits steckt in allem eine Freiheit; er macht alles genauso, wie er es möchte, nimmt sich damit jedes Recht, unabhängig von anderen Menschen und Dingen. Das Linien-Ziehen, das Seltsame-Dinge-Schreiben, das Unwichtige und Sinnlose zu kultivieren macht ihn frei, während sie projiziert und über dieses dauernde Schielen nach dem, was er tut, sich selbst verliert.

HF: Welche Figur war dir näher von den beiden?

UD: Er war mir näher.

HF: Das habe ich mir gedacht. Du hast ja erwähnt, dass es etwas Manisches hat, natürlich hat es auch etwas Manisches, drei Bücher, die man am Rechner geschrieben hat, nochmal handschriftlich abzuschreiben. Es hat auch etwas Buddhistisches als eine zunächst mal nicht produktive Tätigkeit, die nur eine Verdopplung ist.

UD: Ja es ist durchaus meditativ, aber das Wort „Verdopplung“ trifft es nicht. Es sind zwei unterschiedliche Arbeiten entstanden, Text und Bild, die jeweils einen anderen Gestaltungsakt erfordern. Bei der Verbildlichung erhalten Worte und Sätze eine neue Bedeutung, Zuordnungen und Hierarchien ändern sich. Auch in dieser dritten Arbeit greift die Formensprache den Inhalt auf, Worte werden überraschend hervorgehoben, Nebensächliches übernimmt die Oberhand oder verliert sich in dünnem, faserigen Strich. Dabei bleibt der Textsinn erhalten, erschließt sich sogar unmittelbar. Viel unmittelbarer als beim Lesen schießt er direkt ins Herz.

HF: Ich erinnere mich an die Diskussionen, als der Rechner aufkam, wie Computer das Schreiben verändere, z.B. weil man alles löschen kann und es keine physische Kontrolle gibt. Da hat Dieter E. Zimmer über die Elektrifizierung der Sprache geschrieben, man würde am Computer geschriebenen Texten anmerken, dass sie am Computer geschrieben seien, weil die Angst vor dem Absturz sich durch die Texte ziehe. Gemeint ist der Absturz des Rechners. Das wirkt natürlich heute alles sehr zeitgebunden, wir haben uns heute daran gewöhnt; es gibt kaum noch Schriftsteller, die ihr Buch mit der Hand schreiben, aber du würdest schon sagen, dass es eine andere Qualität ist?

UD: Nein, als Designerin arbeite ich am Computer. Ich würde nie ohne Rechner das Haus verlassen. Ich brauche ihn, besonders seit ich schreibe. Ich bin keine nostalgische Schwärmerin, die glaubt, man müsse alles mit der Hand schreiben. Aber ich denke, es entsteht etwas Neues, wenn man durch ein zweites Medium hindurchgeht. Das nächste Manuskript werde ich zunächst aber wieder mit dem Computer schreiben. Danach sehe ich, ob er von mir noch was anderes will. Als Designerin, die spät mit dem Schreiben begonnen hat, habe ich erkannt, dass das Schreiben nur ein weiterer Gestaltungsprozess ist. Wie beim formalen Gestalten geht es um Dramaturgie, Hierarchien, Prioritäten, Schwerpunkte. Und ich nehme für mich in Anspruch, mit Gestaltung grundsätzlich umzugehen, sowohl im Text als auch im Bild.

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HF: Als du mir zum ersten Mal davon erzähltest, du hättest drei Romane geschrieben und sie dann nochmal mit der Hand abgeschrieben, fiel mir Roman Opalka ein, ein bildender Künstler, der als 30-jähriger entschied, er mache jetzt nur noch eine Sache, nämlich Zahlen schreiben, angefangen von Eins, und jedes Jahr wird die Hintergrundfarbe 1% oder 3% heller. Ich glaube, er ist bis 7 Millionen gekommen, aber das war, glaube ich, wirklich eine tranceartige Versenkung in diese Zahlen, eine Versenkung, die dann fast ins Automatische übergeht. So ist es ja bei dir nicht; der Kopf ist die ganze Zeit angeschaltet.

UD: Ja, als ich mit „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“ angefangen habe, wusste ich nicht, wohin es mich führen würde. Ich hatte keine konkrete Absicht damit, anders als Opalka keinen konzeptuellen Ansatz. Ich wollte den Prozess des Verlierens, des Verlustes, der im Text beschrieben war, mit Bleistift auf großes Papier bringen. Es geht darin permanent um den Verlust von allem, was man gelernt, von allem, was man mal geschaffen und geliebt hat. Es geht um langsamen und unkontrollierbaren Abschied. Und dann habe ich die Papierrolle ausgebreitet und angefangen. Fünf Wochen lang habe ich jeden Tag mehr als sechs Stunden mit der Hand geschrieben und den Inhalt ein zweites Mal durchlebt. Und natürlich habe ich den Text dabei noch mal verändert und korrigiert. Ich glaube, ich war angegriffener als zu der Zeit, als ich den Text das erste Mal am Rechner geschrieben habe. Mit der Handschrift geht der Text durch den Körper hindurch. Das ist der Unterschied.

damm-buchhalter_06Ich habe früher schon immer gedacht, es kann doch nicht sein, dass ein Gestalter, egal womit er sich befasst, immer in derselben Körperhaltung da sitzt und immer das gleiche tut. Ob ich eine Werbekampagne für e.on konzipiere, ein Plakat für die Komische Oper mache oder eine Gebrauchsanweisung für Waschmaschinen gestalte, ich sitze immer in gleicher Körperhaltung am Rechner. Das hat mir früher beim Gestalten gefallen – von wegen nicht nostalgisch –, es hat mich begeistert, dass ich je nach dem, was ich für ein Thema hatte, durch die Wohnung gelaufen bin und nach Gegenständen gesucht habe, die ich bitte jetzt sofort auf den Fotokopierer legen konnte, und wenn es die Blumen waren in der Vase. Es gab in diesem Moment eine Assoziation, der ich folgen konnte. Dieser körperliche Einsatz gab der Gestaltung einen anderen sinnlichen Zugang, der heute fehlt. Insofern kommt mit diesen Arbeiten hier das „Es-geht-durch-den-Körper“ wieder zurück.

HF: Kunst muss auch wehtun. Das ist ja schon eine unglaubliche Verausgabung auch speziell bei dem ersten Roman, der dir ja auch einige körperliche Erschöpfungszustände eingebracht hat.

UD: Das mit dem Wehtun ist natürlich ein Klischee. Aber ich habe gemerkt, dass die Übersetzung meiner Texte durch die Handschrift eine Ausdrucksform ist, die mir entspricht. Über die Verausgabung denkt man vorher nicht nach, und sie spielt während der Arbeit auch keine Rolle.

HF: Die Frage ist ja, ob es überhaupt Kunst ist? Im Prinzip konfrontierst du uns mit einem dreifachen Genre-Bastard: Es ist Literatur in Romanform, die wir im Moment zumindest noch nicht anders als auf diese Weise konsumieren können oder eben nicht konsumieren, denn es wird nicht möglich sein, alle drei Romane in der Ausstellung zu lesen. Es ist Grafik – du kommst aus dem Grafikdesign – und hast dort eine spezielle Art gewählt, Schrift in Korrespondenz mit dem Inhalt aufzubereiten. Vermutlich ist das, was dir dabei unterlaufen ist, durchaus messbar mit den Maßstäben der bildenden Kunst.

UD: Ich denke darüber nicht nach, während ich es mache. Aber es spiegelt meine berufliche Geschichte gut wieder, weil ich immer zwischen allen Stühlen saß. In meinem Designstudium hieß es „Hören Sie auf, machen Sie freie Kunst“. Aber ich blieb bei der Grafik, traute mir Kunst nicht zu. Nach dem Studium habe ich doch in der Kunstakademie gefragt und die haben gesagt: „Ganz toll, aber eher Grafikdesign“. Der Neigung, immer alles in schöne Genrepakete zu packen, habe ich leider nie entsprochen. Manchmal dachte ich „leider“, manchmal „Gott sei Dank“.

HF: Eine spannende Absetz-Tendenz des an das sich hermetisch selbstreferenziellen Kunstsystems ist die Outsider Art, die mittlerweile sehr ernst genommen wird; es gibt Galerien dafür. Da sind Leute vertreten, die nie den Vorsatz hatten, ins Kunstsystem reinzukommen. Ihre Arbeiten sind zum Teil manische Bearbeitungen ihrer Weltsicht oder ihrer starken Phantasien und sie haben damit eine derart eindringliche Wirkung erzielt, so originell in der Formensprache, dass man nicht anders kann, als es zu Kunst nennen. Würdest du dich wiederfinden als Outsider Artist? In der Bezeichnung?

UD: Muss ich in die Schublade?

HF: Nein. Das ist auch nur der Schluss jetzt. Outsider Artists würden sich, glaube ich, weil sie nicht darüber nachdenken, auch niemals Outsider Artists nennen. Es reicht der Begriff „Kunst“.

 

„Die Poesie des Buchhalters – Ulrike Damm, Zeichnungen“, Zitadelle Spandau, bis 30.4.2017. Zur Ausstellung erscheint eine gleichnamige Publikation.

Holm Friebe ist Sachbuchautor, Dozent für Designtheorie und Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin.

Ulrike Damm leitete 25 Jahre lang ein Designstudio in Berlin. Heute ist sie Inhaberin des Damm und Lindlar Verlags und der deutsch/russischen Plattform Damm und Landl in Berlin und St. Petersburg.

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