Gebastelte Gemütlichkeit

9. Berlin Biennale_Aufbau

Vor keiner Berlin Biennale hatte ich so viel Angst wie vor dieser. Überhaupt hatte ich noch nie Angst vor einer Berlin Biennale, nicht mal vor der, bei der ich selber mitgearbeitet habe, und das will was heißen, denn es war die erste und keiner hatte einen Plan, nur das Ziel, dass es gut werden musste, damit sich die Leute in Zukunft um uns reißen und wir alle berühmt würden und super Jobs bekämen, was für manche ja auch geklappt hat. Für mich zumindest. Das mit der Angst hatte zwei Gründe: zum einen die vom Kuratorenkollektiv formulierte Erkenntnis, dass die Zukunft klarer sei als die Gegenwart, welche wiederum ein Mekka der Orientierungslosigkeit biete, was ja stimmt, das weiß jeder, der in ihr lebt, weshalb ich einen Overkill an Orientierungslosigkeit induzierender Kunst befürchtete, und es ist ja so schon schwierig genug, sich in der aktuellen Kunst zu orientieren, da muss die ja Orientierungslosigkeit nicht noch zum Thema machen. Zum anderen muss ich bei DIS immer an Dissen denken, und ich disse doch so gern, weshalb ich Angst vor einem unkontrollierten und womöglich ungerechtfertigten Diss-Ausbruch hatte.

9. Berlin Biennale_TelfarZum Dissen gab es dann aber Gott sei Dank kaum Grund. Selten so viel Spaß gehabt bei einer Biennale. Aber auch: Selten so schnell durchgerauscht durchs Hirn, die Kunst. Zumindest am Ausstellungsort Akademie der Künste, wo nur die Arbeiten von Anna Uddenberg, Jon Rafman, Adrian Piper (brachiale Vollbremsung zwischen lauter turbokonsumbarem Zeug) sowie ausgerechnet das attraktiv präsentierte Merchandise-Programm (T-Shirts von Telfar an genderfluktuierenden Schaufensterpuppen vor eindrücklichen Prints von Asger Carlsen) mehr bieten als das, was man sieht. Und wo sich der absolut beste Beitrag der Biennale befindet, nämlich das „Happy Museum“ von Simon Fujiwara. Ausgerechnet mit analogen und konventionellen Produktions- und Präsentationsmitteln (Podeste!) wird hier der Betrachter damit konfrontiert, dass Realität virtueller ist als alles, wozu Oculus Rift je in der Lage sein wird. Dass sich nichts so sehr verschieben, verkleiden, verzerren, hinterfragen lässt wie diese „Realität“, illustriert an Objekten, banal und geheimnisvoll, funktional und gestisch zugleich. Nehmen wir die Tür eines auf die sexuellen Bedürfnisse von Behinderten spezialisierten Bordells. Nur eine Tür auf einem Podest, aber sie öffnet einen unendlich großen Raum in die Vorstellung davon, wie „diese“ Menschen Sex haben, und in die Frage, warum es extra ein Bordell für sie geben muss. Die sich etwa damit beantworten ließe, dass die menschliche Angst vor dem Anderen immer noch der stärkste Motor für Desorientierung ist. Weil sie dafür sorgt, dass es so vieles gibt, das hier und heute mitten unter uns, aber eben nicht neben oder mit uns lebt. Es ist ein Wesenszug, der sich am krassesten immer noch in der Konfrontation mit uns selbst zeigt und nicht in irgendwelchen digitalen Dystopien.

9. Berlin Biennale_Blue StarTypisches Generation-Y-Dilemma, im Nichtwissen darüber zu verharren, wo es langgeht, anstatt einfach mal loszulaufen. In dieser Biennale versinnbildlicht durch all diese verwirrungsoverkillstiftenwollenden Szenarien, die dann doch nur als Backdrop für Filme mit zuviel Digital-Make-up dienen. Angeschaut werden sollen sie gebettet in weichen Sofakissenlandschaften, die sicherstellen, dass auch wirklich keiner unnötig irgendwo hingeht – das Sitzkissen-Szenario (schon in den 90ern beliebt bei Künstlern, die Angst hatten, ihre Videos oder Audios könnten dem Publikum zu dünn sein), so eine wunderbar einlullende Manifestation der Inhaltsleere. Warum reicht es den Künstlern nicht, einfach nur einen Film zu zeigen, wozu braucht es immer noch Sitzlandschaft oder Wasserspiegelspielerei? Vielleicht, weil all diese Filme gleich aussehen und sich zumindest durch das Setting unterscheiden sollen? Weil diese Künstler der Kraft ihres Mediums nicht vertrauen? Warum scheinen sie nicht mehr zu wissen, was doch die Kunst seit jeher wusste, nämlich dass es an Materialisierung nicht viel braucht, um eine aus der eigenen Vorstellung entsprungene Realität zu erzeugen, dass das gesamte Kunstschaffen seit Anbeginn eine einzige Virtual-Reality-Show ist? Völlig unverständlich, warum sich diese Künstler so verkrampft an Wirklichkeitsverschiebungsversuchen abbasteln (wenn es wenigstens abarbeiten wäre…) ausgerechnet zu einer Zeit, da endlich auch Nichtkünstler zu schnallen beginnen, dass virtuell reality genauso re9. Berlin Biennale_Blue-Staral wie real reality ist und real virtuality genauso virtual… Aber jetzt, wo die technischen Möglichkeiten so weit sind, dass wir alles, was wir uns vorstellen, auch genauso abbilden können, hat die Kunst anscheinend auf einmal ihre Imaginationskraft verloren. Aus Angst, dass sie ihren Job verlieren könnte und weil ihr Arbeitgeber ihr keine Auszeit zur Bestandsaufnahme und Neuorientierung gönnt, bastelt sie eifrig Szenarien, schaut mal her, liebe Betrachter, von wegen nur noch Surface und null Content, nee nee, hat echt lange gedauert, den Kunstrasen auszurollen und die Plastikblumen anzukleben, um mal auf die Installation auf dem Fahrgastschiff Blue-Star zu verweisen, die genau so eines dieser sinnlos aufgeblasenen Szenarien als Bühne für ein Filmchen zeigt, das bei jedem, der schon mal einen Alptraum hatte, nichts als nichts hinterlässt.

9. Berlin Biennale_NovitskovaGrundsätzlich aber natürlich eine schöne Idee, die Sache mit dem Schiff, wie DIS überhaupt ein gutes Händchen mit der Locationwahl bewiesen hat, ganz besonders mit der European School of Management and Technology (ESMT), wo von Katja Novitskova, Simon Denny und dem Kollektiv GCC Beiträge warten, die ihre Kraft nicht zuletzt aus ihrer Bezugnahme (oder der Ermöglichung einer solchen) auf den Ort schöpfen. Es gelingt ihnen, Anker zu werfen in einem ambivalenten Umfeld, das als private Wirtschaftshochschule zugleich Orientierungswerkzeug und Sinnbild für Intransparenz ist. Der Blick durch die Fenster geht auf eine Baustelle. Es ist das Berliner Schloss, dieser visionslose Versuch einer Sinnstiftung in einer Zeit, die andere Probleme hat als die künstliche Schaffung von Identität. Es wirkt wie ein Beitrag zu dieser Berlin Biennale.

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