Performance

Graue Mäuse gegen schwarze Ratten

Foto© Andrea Rüter/1000 Gestalten.

Was passiert, wenn man herrschenden Verhältnissen mit Ignoranz und Kritiklosigkeit begegnet, also gar nicht? Dann wird man zu einer grau verkrusteten Gestalt mit leerem Blick und hängenden Schultern, die sich, endlos Endzeitlichkeitsatmo verströmend, müde dahinschleppt, alles kaputt, Wille gebrochen oder nie da gewesen, von Körperfressern ausgehöhlt. Will man das? Nee. Jedenfalls nicht länger als ein paar Stunden. Irgendwann wird das Jucken der grauen Paste auf der Haut doch bestimmt unerträglich, und spätestens dann muss man aufwachen aus der Lethargie und sich das Graue vom Leib reißen, damit das Bunte darunter zum Vorschein kommt, so wie im Film Pleasantville auf einmal Farbe in die heile Schwarzweiß-Welt zu dringen beginnt, quasi als Äquivalent zu Evas Biss in den Apfel vom Baum der Erkenntnis, aber das ist eine andere Geschichte, wo waren wir gleich? Ach ja, bei den „1000 Gestalten“, jener Hamburger G20-Protest-Performance, die zu einer von grauen Mäusen veranstalteten Entertainment-Aktion verkommen wäre, hätten ihr nicht die schwarzen Ratten den Gefallen getan, sie zu einem dann doch wirkungsvollen Kommentar zu erheben. (mehr …)

Preiswert: Das Hirn von Sir Norman Foster

Diese Geschichte hier ist total unwichtig, für deutschsprachige Leser zumindest, denn a) passierte sie schon vor ein paar Wochen und b) gab es keinerlei Berichterstattung in deutschsprachigen Medien. Dass sie so unwichtig ist, macht sie aber interessant, denn immerhin spielen die nicht gerade unwichtigen Personen Marina Abramović und Sir Norman Foster die Hauptrollen darin. Beziehungsweise, das Hirn von Sir Norman Foster, wenn auch nicht sein echtes, sondern eine naturgetreue Nachbildung in Form einer goldfarbenen Skulptur, gestaltet von Marina Abramović zusammen mit einer hirnförmigen Kopfbedeckung mit unzähligen kleinen LED-Leuchten. (mehr …)

Große Bühne Hinterhof

Am Freitag, den 22. März 2013, saß der Berliner Künstler Hannes Gruber zwei Stunden lang in seinem abendlich dunklen und verschneiten Hinterhofgarten in der Kälte. Das war bestimmt nicht so gemütlich für ihn, aber für seine Gäste schon. Die konnten nämlich von drinnen herausgucken, wo es warm war und Alkohol gab. Als Hannes Gruber fertig war mit dem Draußensitzen, kam er wieder rein.

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Und warum hat er das gemacht? (mehr …)

Welt ohne Zeit

Welt ohne Zeit

Am Donnerstag, den achtundzwanzigsten März 2013 gegen 21 Uhr schrieb ich mir eine Postkarte. Seit Jahren hatte ich keine Postkarten mehr geschrieben und mir selbst überhaupt noch nie.

Während ich schrieb, sang jemand ein Lied über einen Erdbeermund, ein junger Mann, er stand auf einem Treppenpodest aus Spanplatten mit einem beleuchteten Schild in der obersten Stufe, darauf sein Name: „Dagobert“. Als Dagobert mit seinem Lied fertig war, stieg er von seinem Podest herab und verschwand in der Menge, die sich um die Bühne geschart hatte und um diverse im Raum verteilte Skulpturen und um einen Tisch, auf dem viele Postkarten lagen, darunter auch meine. Dass es meine Postkarte war, wusste ich erst, als ich sie umdrehte: „Echtfoto“ stand darauf, und das machte die Karte in der Tat gleich viel echter als alle anderen, auch wenn mich mit dem Motiv nichts verband. (mehr …)