Außerhalb des Kunstbetriebs will niemand Kunst

©IG/@_martineder

Aktuell erfreut uns Instagram wieder mit einem Beispiel dafür, wie wenig sinnvoll es ist, wenn sich kunstfremde Kreise über Kunst unterhalten, oder aufregen, oder sich in welcher Form auch immer mit Kunst befassen. Wer es noch nicht mitbekommen hat: Vor zwei Tagen wurde der Berliner Künstler Martin Eder Gegenstand einer Attacke des Instagram-Accounts @diet_prada, der als Moralapostel der Modeindustrie normalerweise Designer und Modemarken an den Pranger stellt. Grund für den Angriff: Eder habe für sein Werk „The Unknowable“ ungefragt bei einem anderen Künstler dreist und unübersehbar abgemalt.

Da war die Empörung natürlich sofort groß, was erdreistet sich dieser Künstler, wenn der keine eigenen Ideen hat, dann soll der gefälligst überhaupt gar nicht erst Künstler sein, aber so ist es halt, es gibt halt keinen Respekt vor kreativen Inhalten mehr, aber oh wie toll von @diet_prada, dass ihr dieses krasse Problem mit dem Klauen von Bildern öffentlich macht, obwohl ihr euch ja eigentlich mit Mode beschäftigt und nicht mit Kunst, wobei, das ist natürlich wenig überraschend, dass ausgerechnet ihr das anprangert und nicht irgendwelche Kunstleute, die bewahren ja Stillschweigen über sowas, die wollen ja nur Geld machen und Künstler ausnutzen und so, weiß man ja.

Hunderte Kommentare und einen Aufklärungsversuch durch Martin Eder später ist klar: Am Ende ist nichts gewonnen, für niemanden. Nicht für die Kunstunwissenden, denen es reicht, sich in Empörung zu üben anstatt sich wenigstens das Basiswissen aus dem Kunstlexikon-Eintrag „appropriation art“ anzueignen, nicht für all die namenlosen Kunstschaffenden, die sich über das Geklaue erzürnen und dabei selbst niemals einen künstlerischen Qualitätsgrad erlangen werden, der ihre eigene Kunst klau- oder sonstwie zitierwürdig machen würde, und nicht für Eder selbst, der sich zu sinnloser Verteidigung genötigt sieht, anstatt sich mit Kritik auseinanderzusetzen, die ihn oder sein Publikum zum Ausloten des tatsächlichen Wirkungsbereichs seiner Kunst bringen würde.

Es sei all den Dumpfbacken, die sonst nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen, gegönnt, sich über Dinge aufzuregen, von denen sie nichts verstehen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die Präsenz von Kunst auch außerhalb kunstspezifischer Felder selbstverständlich für spannende, erkenntnisreiche Begegnungen sorgen kann. Aber abgesehen davon, dass es @diet_prada natürlich nicht um das Freisetzen eines Kunstdiskurses, sondern die Aktivierung der klassischen Social-Media-Formel Aufregung = Reichweite ging (dazu siehe auch diesen Kommentar bei MONOPOL), zeigt dieses Beispiel: Über Kunst reden kann tatsächlich nur, wer etwas davon versteht, verstehen will, egal ob dieses Verstehen auf akademisch erworbenem Wissen oder intuitiven Fähigkeiten basiert. Kunst wird niemals demokratisch sein, niemals die Massen erreichen, niemals für jemand anderes gemacht, von jemand anderem verstanden werden als einem kleinen Zirkel von Eingeweihten, die sich zwar der scheinbaren Notwendigkeit einer öffentlichen Teilhabe als die Kunst legitimierenden Faktor versichern, in Wahrheit aber wissen, dass diese Öffentlichkeit in Wahrheit überhaupt keine Lust auf Kunst hat.

Was die Sache so vertrackt macht, ist diese daraus resultierende Frage: Was wäre wenn? Was wäre, wenn Menschen den Umstand, dass sie auf Instagram auf einmal Kunst ausgesetzt werden, zum Anlass nähmen für ein echtes Auseinandersetzen mit dieser Kunst? Was wäre, wenn jedesmal, wenn Kunst außerhalb der ihr angestammten Felder gezeigt wird, sie dort Menschen wahrhaft erreichte und einen Lerneffekt in Gang setzte?

Die Kunstwelt sei elitär, heißt es immer wieder, gerade wer ihr nicht angehört, äußert dies gern als Vorwurf. Wie aber auch das hier genannte Beispiel wieder zeigt, stimmt das gar nicht. Natürlich stellt die Kunstwelt zum Teil schwachsinnige Zugangsregeln zur Wahrung ihres Wertesystems auf, was sie aber tatsächlich elitär macht, ist etwas anderes: nämlich die Ignoranz all jener, die sich nicht die Mühe machen wollen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.

4 Kommentare

  1. M.E. muss sich die Kunstwelt gar nicht um Selbstimmunisierung (schönes Wort) bemühen, weil die Ignoranz der Massen eine Distanz erzeugt, die jede Ansteckungsgefahr bannt. Es gibt für mich auch keine Verpflichtung zur Aufklärung von Ignoranz, wer doof sein will, den muss ich nicht schlau machen. Zustimmen würde ich allerdings der Forderung, Beleidigungen nicht mit ebensolchen zu erwidern, womöglich eine Schwäche von mir. „Dumpfbacke“ ist für mich aber ehrlich gesagt gar nicht so beleidigend, nicht zuletzt, weil ich selber manchmal eine bin. Das Bild fand ich anfangs auch schlecht, aber es erweist sich für mich als ein totaler Grower

  2. …naja..dann warten wir mal, was lost ist, wenn jemand -als künstlerische Aktion natürlich- Gemälde aus der bildenden Kunst auf T-Shirts druckt und in demokratisch erschwinglicher Weise günstig an den Pöbel, der nichts von Kunst versteht, verkauft…dreht man die Vorzeichen um, wird die Kunstwelt nämlich ganz schnell fuchsig.

    Weiter: „Es sei all den Dumpfbacken, die sonst nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen, gegönnt, sich über Dinge aufzuregen, von denen sie nichts verstehen.“ Allein dieser Satz macht in seiner Polemik schon jede Diskussion zu einer reiner Beschimpfungsrunde. Tut mir leid, aber der Kommentar zerschlägt damit die Hoffnung, in ihm einen wertvollen Beitrag zu der berechtigten Frage nach Appropriation, Originalität und Inspiration im Internetzeitalter zu zu finden.

    1. Mal die Kommentare unter dem Post von Diet Prada gelesen? Davon abgesehen hatte dieser Beitrag gar nicht vor, sich mit Appropriation im Internetzeitalter auseinanderzusetzen, warum auch, die Kommentaroren, die Martin Eder angreifen, haben ja gar keine Ahnung von Appropriation und interessieren sich auch nicht dafür.

      1. ..was die Kommentare unter dem Beitrag sagen kann doch nur Anlass zur Aufklärung sein (..kein Bock die jetzt zu lesen 😉 ). Die Haltung zu waren ist gerade bei unverschämter oder nichtwissender Kritik allerdings wichtiger denn je….selbst Eder hat das ja in seiner Stellungnahme ja auch angebracht. Dem sollten alles Seiten folgen und nicht mit Schimpfworten um sich werfen….

        Vielleicht habe ich den Sinn des Kommentars aber auch wirklich nicht erfasst. Ich hatte ihn lediglich als reflexartige Selbstimmunisierung der Kunstwelt gelesen, die sich nicht der Frage aussetzten möchte, ob an der Kritik an Eders Bildfinungen vielleicht etwas dran sein könnte…das Bild ist ja auch tatsächlich nicht so gut, als dass es die kommerzielle Verwertung oder die pseudodiskursartige Aufmerksamkeit verdient hätte..;)

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