Die Macht der Friseure

Für die Präsenz von Kunst in kleinstädtischen Gemeinden gilt ja häufig eine von zwei Regeln. Die eine: Wo nichts ist, kann alles werden. Die andere: Wo nichts ist, da soll auch nichts hin. Hier eine Theorie: Weist eine Kleinstadt eine überproportional hohe Anzahl an Friseurläden auf, gilt bezüglich ihrer Haltung zu Kunst von beiden Regeln die letztere.

Woran sich diese Theorie festmacht? Am Umstand, dass der Ort Jesteburg südlich von Hamburg ziemlich viele Friseure aufweist, laut Google Maps jedenfalls so viele, dass sogar das örtliche Fitness-Center „Friseur“ heißt. Ok, es stimmt natürlich, um eine Theorie aufzustellen, braucht es mehr als eine singuläre Beobachtung, deshalb lassen wir den Theoriekram besser beiseite und wenden uns der Praxis zu: Tatsache ist, dass Jesteburg eine Kleinstadt ist und dass da keine Kunst hinsoll. Oder hingesollt hätte. Jedenfalls, wenn es nach Sascha Mummenhoff ginge, Lokalredakteur der Kreiszeitung Wochenblatt. Der fand es nämlich ziemlich schlimm, dass im Zuge eines Kunstprojektes unter Aufwendung von Steuergeldern der Asphalt einer Wohnstraße bemalt wurde. Und die Anwohner seinem Bericht zufolge auch (Zitat eines Anwohners: „Meine Tochter hätte das für ein Eis gemacht und nicht für 9.000 Euro!“). Dann kam alles aber noch viel krasser: Betrug! Die Kuratorin des das Projekt betreuenden Kunstvereins Jesteburg hatte zwei Flüchtlinge als Arbeitskräfte eingesetzt, um die Malerei auszuführen, was sich als illegal herausstellte, weil die beiden nämlich gar keine Arbeitserlaubnis hatten, und zwar entgegen der öffentlichen Versicherung der Kuratorin, sie hätten eine! Wenn schon eine örtliche Kulturinstanz so dreist betrügt und Schwarzarbeit befördert, so der Redakteur, dann müsse davon ausgegangen werden, dass sich der gesamte Ort in Nullkommanix in die Kriminalität verabschieden werde.

Jetzt könnte man sagen, schön blöd von Kunstvereins-Kuratorin Isa Maschewski, dass sie sich nicht vorher überlegt hat, wie sie den Einsatz der Flüchtlinge genau deklariert, aber am Ende des Tages ändert es nichts am eigentlichen Stein des Anstoßes, dem Vorhandensein einer Kunst, die so schlimm sein muss, dass sich ein Lokalredakteur gar nicht mehr einkriegt. Man kann sich seine Texte ruhig mal durchlesen, es sind so unterhaltsame wie bedrückende Zeugnisse einer gequälten Lokalreporterseele (und davon abgesehen ein schöner Beweis dafür, wie gut die Sache mit der Objektivität im Journalismus funktioniert). Zur Ehrenrettung des Herrn muss allerdings gesagt werden, dass er nicht grundsätzlich gegen Kunst ist. Das Wandbild in der Bahnunterführung zum Beispiel findet er gut, und auch, dass es neu gestaltet werden soll, aber auch hier droht Schlimmes: „Doch statt Künstler aus dem Ort oder die Jungen und Mädchen der Oberschule zu bitten, sich kreativ auszutoben, wird vermutlich der Berliner Künstler Michael Conrads den Zuschlag bekommen.“ Schlimm! Ein Künstler aus Berlin!

Aber es kommt ja immer noch dicker. Der Kunstverein steht vor Eröffnung einer Sonderausstellung, deren Titel den Herrn Mummenhoff wahrscheinlich gerade in die Startlöcher zum Aufstieg auf seinen persönlichen Aufreger-Gipfel treibt: „Schwarzarbeit in Jesteburg“. Der Künstler Daniel Hopp untersucht darin die lokale Stimmungslage und Meinungs-Lage bezüglich der Arbeit des Kunstvereins. Erste Eindrücke (nicht zu vermitteln mit Aufschlüssen) vermittelt der für die Ausstellung eingerichtete Instagram-Account schwarzarbeit_in_jesteburg. Hoffentlich bekommt die Ausstellung möglichst viel Aufmerksamkeit – abgesehen davon, dass eine direkte Auseinandersetzung zwischen Kunstinstitutionen und dem von ihnen angesprochenen Publikum eh eine begrüßenswerte Sache ist, winkt in diesem Fall noch ein Entertainment-Bonus – in Form einer Rezension von Sascha Mummenhoff.

„Schwarzarbeit in Jesteburg“, Kunsthaus Jesteburg, Eröffnung am 25. November 2017 um 19 Uhr.

 

 

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