Vier Frauen, zwei Paarungen, ein Preis

Sicherer Anwärter auf den Publikumssieg: „Amazonas Shopping Center“ von Sol Calero. Installationsansicht „Preis der Nationalgalerie 2017“, Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart, Berlin.

Warum Udo Kittelmann auf der Pressekonferenz zum Preis der Nationalgalerie 2017 mit der Vorstellung des Sponsors BMW in Gestalt des BMW-Repräsentanten Thomas Girst verkündet, er fahre einen nicht von BMW gesponserten BMW, was ihm „viel Freude“ bereite, wird sein Geheimnis bleiben, ansonsten umweht nichts Geheimnisvolles die Auswahl der Shortlist für den diesjährigen Preis. Dass sie mit Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska nur aus Frauen besteht, ist Zufall, und solange Männer noch anderswo Gelegenheit zum Erhalten von Preisen haben und die wichtigste museale Auszeichnung Deutschland grundsätzlich weiterhin auch an Männer gehen kann, auch kein Problem.

Inhaltlich treffen diese vier Positionen vollumfänglich den Geschmack von BLITZKUNST, deshalb an dieser Stelle außer einem allgemeinen „Toll“ keine differenzierte Kritik, aber ein Punkt muss dann doch kurz kritisch umkreist werden, und der betrifft nicht die gezeigten Arbeiten, sondern deren Präsentation: In der gespiegelten Raumsituation der beiden gegenüberliegenden Flügel des Hamburger Bahnhofs wurden wie bereits bei vorangegangenen Shortlist-Ausstellungen jeweils zwei Positionen gepaart, leider etwas unglücklich. Auf der einen Seite Issa und Manna mit Form, Symbol, Zeitlosigkeit und reflektionsfordernder Distanz, auf der anderen Seite Calero und Polska mit Unmittelbarkeit, visueller Intensität und Emotionen.

Auf der einen Seite ruhig und reflektionsintensiv, auf der anderen bunt und easy? Oder vielleicht dachte man sich, auf jeder Seite einmal mit Bewegtbild, einmal ohne? Egal. Das Ergebnis ist jedenfalls schade. Eine kontrastierende Paarung hätte möglicherweise eine interpretatorische Bereicherung gebracht – zum Beispiel ließen sich Caleros zeitlich und kulturell so explizit bestimmbaren, detailfreudig alles nach außen stülpende Räume als Komplementär zu den kontemplativen kultur- und zeitübergreifenden Skulpturen Issas lesen –, aber die formale Entsprechung, dieses Gefühl von „Das passt so schön zusammen“ hebt die Wirkung beider Positionen auf, zumindest im Fall der Paarung Manna-Issa. Bei Calero und Polska hat letztere die Arschkarte gezogen, denn wenn man aus der Wunderwelt des Amazonas Shopping Center von Calero in die dunklen Videoräume von Polska wechselt, dann kann dort das eigentlich sehr faszinierende Sonnengesicht aus Polskas Film What The Sun Has Seen noch so eindringlich gucken, es bleibt bleich gegen das gleißende Licht, aus dem das Betrachterauge gerade kam.

„Preis der Nationalgalerie 2017“, Ausstellung der Nominierten, Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart, Berlin, bis 14. Januar 2018. preisdernationalgalerie.de

 

 

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