Braucht noch wer ein bisschen Beuys?

Joseph Beuys während seiner ersten USA-Reise in Chicago 1974. ©zeroonefilm/Klaus Staeck.

Joseph Beuys sei heute wichtiger denn je, befand das ZDF zum Start des Films „Beuys“ von Andreas Veiel. Ach ja? Echt jetzt? Warum?

Keine Frage, was dieser Film (im Kino seit 3. Mai 2017) an Material über den bekanntesten deutschen Künstler seit Albrecht Dürer versammelt, ist sensationell und unbedingt sehenswert. Schnell nervig allerdings, und damit hätten wir die formale Kritik gleich zu Anfang vom Tisch, wirkt die Collagierwut, mit der alles vergittert, verkachelt und verzoomt wird. Das schafft zwar eine ästhetische Klammer und einen homogenisierenden Effekt – ein verständlicher Griff angesichts der auch ästhetisch weitläufigen Quellenvielfalt –, aber manchmal hätte man ganz gern ein Foto etwas länger betrachtet, einer Kameraeinstellung beim Verweilen zugeschaut, und vor allem: Joseph Beuys etwas länger zugehört, ihn auserzählen lassen. Und noch viel lieber hätte man dazu noch ein paar Beuys-kritischen Stimmen zugehört, oder zumindest Stimmen, die nicht entweder von uneingeschränkter Bewunderung gefärbt sind oder von unambivalenter Gegnerschaft.

©zeroonefilm/UteKlophaus.

Wem man zum Beispiel noch gern länger zugehört hätte, ist der nur kurz zu Wort kommende Klaus Staeck. So wie der Beuys-Editionen-Verleger über den „Mann am Haupthebel“ spricht, als den sich Beuys einmal bezeichnete, über den Manischen, der kaum schläft und sich Termine um 4 Uhr morgens legt, um sein Pensum zu bewältigen, das lässt ahnen, wie anstrengend, nervig, unsozial und unsympathisch eitel Beuys war, das beschreibt aber auch Züge, die das Künstlergenie zum Menschen und damit greifbar machen. Ihn auf ein unerreichbar hohes Podest zu heben, wie der Film es tut, zeichnet nicht nur ein unvollkommenes Bild, es sorgt auch für den Eindruck, als habe dieser Künstler eine Leerstelle hinterlassen, die nach ihm kein Künstler mehr zu füllen in der Lage war, und das ist falsch und ungerecht, denn wenn es nach Beuys keinen mehr gegeben hat wie ihn, dann nicht nur, weil sich die Rezeptionsbedingungen von Kunst und Künstlern über die letzten 30, 40 Jahre gewaltig verändert haben, sondern auch, weil gesellschaftspolitische Strömungen der Kunst jede Lust an Provokation, Ambivalenz und Gaga auszutreiben versuchen.

Dass Beuys heute wichtiger sein soll denn je, ist mit ziemlicher Sicherheit nichts als eine von ignoranter Retro-Duseligkeit motivierte Aussage (typisch öffentlich-rechtliches Fernsehen halt), aber fragen wir aus Spaß trotzdem kurz nach dem Warum. Warum also? Weil wir in einer Zeit des Angepassten leben, uns aber eigentlich nach Provokateuren sehnen, die uns das langweilige Leben in unseren hübsch gleichförmig gepflegten Gesinnungsparzellen ein bisschen aufmischen? Eine verständliche Sehnsucht. Aber warum fragen wir uns dann nicht, warum es keine oder keinen heutigen Beuys gibt? Na, ist doch klar, die Kunst traut sich ja nix mehr heute. Die ist ja so marktorientiert geworden, produziert nur noch, was sich gut verkauft, sieht alles so glatt und eingängig aus. Ja, aber warum? Vielleicht, weil man es sich als kunstschaffender Mensch heute zweimal überlegen muss, ob es sich noch lohnt, die Kunstwelt auf ihre womöglich zum Klischee verkommene Liberalität, Toleranz und Grenzüberschreitungslust zu testen? Eine Kunstwelt, in der „Links“ so lange für eine klare und richtige und vollumfänglich gelebte Haltung stand, dass keiner merkte, wie aus Haltung Angepasstheit wurde und aus Angepasstheit etwas, das immer mehr Züge des Gegenteils von Links zu tragen begann? Eine Kunstwelt, in der von Künstlern öffentlich gefordert wird, sich von der Behandlung bestimmter Themen zu verabschieden oder von Kuratoren, Werke aus Ausstellungen zu entfernen, um einen konfliktfreien Kunstgenuss zu gewährleisten? Wo man besser im Middle-of-the-road-Terrain bleibt, weil es einem sonst so ergehen könnte wie einem Jonathan Meese oder einem Christoph Schlingensief, Künstlern, die keine Angst vor diesem Ambivalenz-Sumpf hatten, der zwischen eigener Intention und fremder Interpretation liegt? Im Sumpf waten, bloß nicht, ist anstrengend und eine unkontrollierbare Brutstätte, in der man sich alles Mögliche einfangen kann, neue Gedanken, Verständnis für andere Meinungen, im schlimmsten Fall die Notwendigkeit, Haltung zu beziehen.

Joseph Beuys bei der Pflanzung von „7000 Eichen“, documenta 7, Kassel 1982. ©zeroonefilm/bpk/Stiftung Schloss Moyland/Ute Klophaus.

Wer Beuys heute noch wichtig findet, wird dies wohl kaum wegen dessen völkisch-schamanisch-braunem Eso-Gewölle tun (das wäre allerdings mal ein Statement!), aber ein Verständnis für das Gefühl, heute Beuys zu brauchen, liegt ja nicht mal in der Ergründung dessen, was er war, sondern ganz banal darin, dass er war. Der Film beweist ja in seiner Materialfülle, wie intensiv Beuys unter öffentlicher Beobachtung stand, wie sehr er als singuläres Phänomen galt, als Inbegriff des Kunstschaffens in Deutschland. Insofern ist dieses Gefühl von „Beuys brauchen“ am Ende vielleicht eher ein Bedürfnis nach mehr öffentlicher Aufmerksamkeit für die Kunst und nach gezielterem Hinschauen auf einzelne Kunstschaffende und Phänomene? Das wäre tatsächlich ein verständliches Brauchen. Denn gäbe es mehr davon, wäre es völlig unproblematisch und womöglich sogar begrüßenswert, wenn ein Filmportrait über einen Künstler ein einseitiges Bild zeichnet – es gäbe noch andere, die das Bild komplementieren würden.

http://beuys-der-film.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s