Erik Schmidt: Unter Strom

erik-schmidt_rays-around-you_01Struktur kann Freiheit verschaffen, weiß der Freiberufler, nachdem er sich aus seiner Wohnbettlandschaft herausprokrastiniert und ein paar Tage lang to-do-listen-treu am Schreibtisch gearbeitet hat. Struktur kann Freiheit verschaffen, das trifft vielleicht auch im Fall von Erik Schmidt zu, der mit seinem jüngsten Werkzyklus zu einer neuen Freiheit gefunden zu haben scheint, indem er sich in seiner Sujetwahl von Strukturen abhängig gemacht hat.

Die Elektrifizierung hat die Welt zugleich größer und kleiner gemacht, sie hat Transport- und Kommunikationswege verkürzt und den Vorstoß in neue Weiten ermöglicht, eine Horizonterweiterung im wahrsten Sinne, ein neues Gefühl von Freiheit und Unendlichkeit. Gewaltige Strommasten und -leitungen wurden einst durch die Lande gezogen, weithin sichtbares Sinnbild einer unsichtbaren und doch gleißenden, sirrenden, alles zum Fortschritt drängenden, die Welt in neuem Glanz erstrahlen machenden Energie.

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Erik Schmidt, Transition of Maximum, 2016. Öl auf Leinwand, 170 x 130 cm. Courtesy the artist and carlier | gebauer, Berlin.

Heute ist Strom unter Putz gelegt oder gleich kabellos, offene Leitungen sind Zeichen infrastruktureller Rückständigkeit. Dass ausgerechnet in den Straßen Tokyos offene Stromkabel so dicht und chaotisch verlaufen, als seien sie von einem Heer von Spinnen auf Drogen gesponnen worden, schien Schmidt merkwürdig genug, um während eines Stipendienaufenthalts sein Interesse zu erregen. Erregend wirkt ihr Anblick wohl kaum mehr allerdings, statt sirrender Verheißung strahlen sie bedrohliche Bedrückung aus, was dazu passen mag, dass die ganze Stadt buchstäblich unter Strom steht, Menschen in Strömen, überall, auch unter der Erde in den U-Bahnen, nur dass dort keine Stromkabel sind, sondern kabellose Smartphones, die betrachtet werden von Gesichtern, aus denen jede Energie gewichen scheint, was Schmidt zu kleinen kontemplativen Portraits inspirierte. In seiner jüngsten Einzelausstellung bei carlier | gebauer in Berlin dienen diese unterirdischen Momente dazu, das energetische Emporstreben der überirdischen Straßenbilder zu kontrastieren, indem sie diesen hier und da beiseite gehängt sind.

Der pastose, krasse Strukturen bildende Farbauftrag wurde früh das Markenzeichen von Schmidt. Manchmal war dabei nicht klar, ob das Motiv die Farbstruktur bedingte oder umgekehrt. Hier aber, in den von den Kabeln vorgegebenen Winkeln und Abständen, finden Struktur und Maltechnik zu harmonischer Kongruenz. Was aber viel wichtiger ist: der Himmel über den Kabeln. Keine Wolken, kein Licht, kein Smog, nur Weißraum. Konsequent, der Himmel als Projektionsfläche kann alles sein oder nichts. Freiheit.

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Erik Schmidt, Designated Areas, 2016. Öl auf Leinwand, 160 x 110 cm. Courtesy the artist and carlier | gebauer, Berlin.

„Rays around you“ ist der Titel der Ausstellung, von Strahlen umgeben. Auch wenn die Stromkabel in ihrer Dichte den Passanten auf der Straße den Blick in den Himmel versperren mögen, wenn man daran denkt, wofür diese Kabel ursprünglich standen, dann wird der Blick durch sie nicht verschränkt, sondern angetrieben, zum Fließen gebracht. Schöner Bonus-Effekt: Die Struktur der Galeriedecke, welche das perspektivische Aufstreben der Malerei mit ihrer Lichtführung ins Unendliche des Himmels weiterzutragen scheint, macht aus dieser Ausstellung tatsächlich eine erhebende Erfahrung.

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