Totally contemporary, diese Steinzeit!

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©Inea Gukema-Augstein.

Wie lange braucht man, um sich einen Überblick über die Menschheitsgeschichte von der Steinzeit bis heute zu verschaffen? Ein paar Minuten vielleicht, jedenfalls nicht länger als eine Stunde. Man muss dazu nur die Ausstellung „Amazing Steinzeit“ von Inea Gukema-Augstein bei Heit Berlin besuchen. „A tribute to turbo times, accidents, feminism and ancestors“, so heißt es in der Ausstellungsankündigung, gestützt vom Motiv der Einladungskarte, einem knallrosafarbenen Porsche 911 Turbo, der natürlich auch Sinnbild für accidents, feminism und ancestors ist, in seinem Turbo-Rosa ein Zusammenprall von Geschlechterklischees, brutal und humorvoll zugleich.

Augstein Inea_03In der Ausstellung selbst begegnet einem der Porsche wieder, als postkartengroßer Abzug und damit kleinste Arbeit  in den Räumen, die selber nicht großzügig dimensioniert sind, aber manchmal braucht große Kunst nicht viel Raum, erst recht nicht, wenn dieser Raum so unterstützend auf das Ausstellungskonzept wirkt. Das fängt schon damit an, dass man sich beim Abstieg in die Kellerräume von Heit vorkommt wie beim Einstieg in eine Höhle oder Betreten einer Ausgrabungsstätte, und interessanterweise hat diese Assoziation einen konkreten Bezug: eine Bunkerarchäologin hatte die Räume erschlossen, Böden abgetragen, Wände durchbrochen und war dabei immer weiter in die Kellerarchitektur vorgedrungen.

Unten angekommen, begrüßt einen das überlebensgroße Portrait einer hörnertragenden Frau als schwarz-weiße Fototapete, ihr Gesichtsausdruck eine Mischung aus Entschlossenheit und Erstaunen. Es ist Maria Sabine Augstein, die Frau der Künstlerin, die Geschichte der ältesten, in einem männlichen Körper und somit als Sohn geborenen Tochter von Rudolf Augstein, Anwältin und Trans-Aktivistin auch Nichtkunstinteressierten bekannt, aber das ist egal, denn hier geht es nicht nur um die eine, sondern auch und vor allem um alle Frauen, ach was, die gesamte Menschheit. Um die Erkenntnis, dass sich manche Dinge bei fortwährendem Wandel niemals ändern werden, um das Suchen nach dem, woher man kommt und was einen prägt und was man ist und wie weit man sich ihm entzieht oder hingibt, um man selbst zu bleiben oder zu werden.

Augstein Inea_04Das Erstaunlichste an dieser Ausstellung ist ihre Atmosphäre. Über allem liegt eine leise Heiterkeit, und man findet das alles und merkwürdigerweise auf einmal auch sich selbst tatsächlich total amazing, die pinkfarbene Beleuchtung, die knubbelige Skulptur, die wirkt wie eine Mischung aus Seegurke und Nikki de Saint Phalle-Arbeit und die gleichzeitig ganz still und sanft pulsierend auf ihrem Sockel sitzt, auch die goldenen Ringskulpturen, die ein bisschen aussehen wie der quasi-archaische Stil junger digitalsaturierter Künstler, nur zeitloser, und letztlich alles zusammen, weil es einfach eine perfekt inszenierte Ausstellung ist.

Inea Gukema-Augstein. Amazing Steinzeit, Heit, Berlin, bis 12. Juni 2016.

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