Blogger bei Mutti

Erwin Wurm_Bei Mutti_02

Dass Blogger die wichtigeren Journalisten seien, wie Erwin Wurm jüngst vor einer Gruppe von ebensolchen angab, kann natürlich bezweifelt werden, schließlich ist Reichweite nicht alles. Aber manchmal werden sie besser behandelt. Während eines Previews von Wurms Ausstellung „Bei Mutti“ in der Berlinischen Galerie nur für Blogger jedenfalls durften sie alles. Überall rumlaufen, Aufbauhelfer bei der Arbeit stören, Kunst anfassen, alles fotografieren und den Künstler alles fragen machte nur erstmal keiner, also fragen. Fotografieren dafür umso mehr.

Erwin Wurm_Bei Mutti_05Warum eine Presseveranstaltung exklusiv für Blogger? Weil diese eben besondere Bedürfnisse hätten, sagt die Pressevertretung der Berlinischen Galerie. Mehr Fotos machen zum Beispiel. Tatsächlich aber hat ja jeder ernsthaft journalistisch arbeitende Berichterstattungswillige besondere, weil ganz individuelle Bedürfnisse. Wer über ein Thema ernsthaft berichten will, würde immer die Einzelbetreuung einer Massen-PK vorziehen. Insofern würde jemand, der in seinem Leben von Hardcore-Ernsthaft-Journalismus über Corporate Publishing (kann auch hardcore-ernsthaft journalistisch sein, was selbstgefällig-komplexbeladene Journalisten allerdings gern bestreiten) bis Bloggen (kann auch…) schon auf vielfältige Weise mit Medienmachen beschäftigt war, erst einmal sagen: Warum nicht alle in einen Topf werfen? Warum nicht diese krass frisch-freche Medienmachersorte „Blogger“ genauso behandeln wie die etabliert-versierten Kollegen vom Kulturressort? Nichts gegen Sonderbehandlung, natürlich nicht, aber werden Blogger, ob in der Kunst- oder jeder anderen Medienlandschaft, jemals als ganz stinknormal journalistisch Tätige wahrgenommen werden, wenn sie separat betreut werden? Immerhin, bei der Berlinischen Galerie können sich Blogger auch ohne Presseausweis für Erwin Wurm_Bei Mutti_01Pressetermine akkreditieren, beileibe keine Selbstverständlichkeit. Aber wäre auf die im Verlauf dieses Bloggertreffens aufgebrachte Frage nach der Einschätzung der Qualität der deutschsprachigen Kunstkritik reagiert worden mit „Oh, das ist jetzt aber sehr ernst“, wenn sie von einer Journalistin oder Kunstkritikerin gestellt worden wäre statt von BLITZKUNST? Kann es sein, dass ihre separate Behandlung die Relevanz von Kunstblogs eher mindert als erhöht? Oder sind solche Fragen sowieso müßig, weil es unter Kunstbloggern einfach eh kein Interesse an streitlustiger Selbstreflexion gibt, wie Matthias Planitzer von Castor & Pollux kürzlich konstatierte? Wahrscheinlich. Egal. Solange es noch andere Leute gibt als Kunstblogger, mit denen man sich über Kunst und Kritik unterhalten kann, kein Problem.

Erwin Wurm_Bei Mutti_03Über die Ausstellung selbst übrigens ließ sich, da noch im Aufbau befindlich, kein abschließendes Urteil bilden, nur soviel an Ersteindrücken: Das Narrow House ist sehr geschickt platziert und schmiegt sich so perfekt in die Proportionen der hohen Eingangshalle, dass es als Skulptur kaum auffällt, was dazu führen wird, dass sich das Grauen beim Betreten umso mächtiger entfalten wird. Der Fokus auf die Zeichnungen zu den One Minute Sculptures ist großartig, weil sie zeigen, dass die Meme-Gebärmaschinen, zu denen diese Handlungsanweisungen geworden zu sein scheinen, einen einzigartigen Ursprung haben, und weil sie als Anleitungen zu einer Flüchtigkeit, die sie zugleich in etwas Bleibendes verwandeln, noch bevor es entsteht, sich schön in den Schwanz beißende Gedanken erzeugen. Die neuen Möbel- und Objektarbeiten dagegen wirken mit Ausnahme eines häusliche Gewaltszenarien evozierenden Sessels ein bisschen so, als seien sie dafür gemacht, in einem dieser generischen Start-up-Hipster-Büros für total kreative Wirklichkeitsverschiebungs-Spielplatz-Atmo zu sorgen, aus dem Auge aus dem Sinn, aber wie gesagt, beim Aufbau wirken Arbeiten ja oft noch nicht so wie sie sollen, wollen wir mal nicht zu kritisch sein, das hier ist schließlich ein Kunstblog.

„Erwin Wurm. Bei Mutti“, Berlinische Galerie, 15.4.-22.8.2016

14 Kommentare

  1. Hallo Annika,

    hab jetzt hin und her überlegt, ob ich hier überhaupt noch kommentieren soll, da du die letzten Kommentare nicht beantwortet hast, obwohl, wie ich finde, stichhaltiges drin steckt. Hätte sich die Diskussion nicht so entsponnen, wäre dein Artikel bei mir sofort wieder weggewesen. Zu sehr berührt er für mich langweilige, teils schon lange andauernde Klischees, wie die leidige Diskussion Journalist vs. Blogger oder die Frage, wie Kunstblogs zu sein hätten, weil sie nicht kritisch genug und deshalb zu langweilig oder zu flauschig sind. Da halte ich es mit Anke und Anika, jedem das seine. Claims da abzustecken, indem andere für ihre Art zu schreiben abgewatscht werden, finde ich persönlich absolut daneben. Das bezieht sich auf die allgemeine Diskussion dazu, die ja schon etwas länger im Netz schwelt.

    Immerhin kommt in der Diskussion hier heraus, dass Blogger gewillt sind, Blogger leben zu lassen und sie nicht an die Wand zu stellen, weil sie zu unkritisch sind. Aber auch Angelikas Kommentar finde ich sehr treffend „stinknormale journalistische Formate“ gibt es nicht mehr. Warum? Weil Journalisten sich etwa zunehmend mehr mit neuen Medien und Verlagssterben konfrontiert sehen? Weil Redaktionen abgebaut und immer mehr von ihnen noch härter zu kämpfen haben als eh schon? Dabei haben einige schon die Chancen des Umbruchs erkannt und nutzen sie. In München haben wir einen Bloggerstammtisch, der einen regen Austausch mit dem Presse Club München eingeht. Die Durchmischung finde ich persönlich bereichernd.

    Aus meiner Erfahrung mit Bloggerreisen heraus, hier im Musuemskontext als Kulturbloggerin (konnte aus familiären Gründen leider nicht nach Berlin kommen), schätze ich die Melange der Teilnehmer, Blogger verschiedener Coleur. Die unterschiedlichen Sichtweisen sind für mich sehr erfrischend. Ob jetzt Kunstkritiker, Kulturblogger, Mode-/Lifestyle-, Reise-, Tech- oder Wissenschaftsblogger schreiben, die Mischung macht’s für mich. Abgesehen davon sind damit ganz verschiedene Reichweiten verbunden. Das Museum, die Ausstellung erhält darüber verschiedenartige Rezeptionsfacetten, mit ganz verschiedenen Leserkreisen. Eine Presse-/Bloggerreise finde ich auch passend, Blogger und Journalisten durchmischt, erlebte ich erst kürzlich, war inputreich für mich, aber sicherlich vor allem für die Organisatoren spannend.

    Wenn sich nun die Berlinische Galerie ausschließlich für „Kunstblogger“ entschieden haben, dann ist das ihre Policy-Entscheidung. Die Organisatoren dachten sich sicherlich etwas dabei und müssen mit dem Outcome klarkommen. Ich glaube aber kaum, dass diese Entscheidung, die Stellung/Wahrnehmung der Blogger schmälert, wozu auch? Klar, gibt es Stimmen, die den positiven Tenor, der aus solchen Reisen oft resultiert, als langweilig bezeichnen. Aber bitte, dann klickt doch einfach weg! Das persönliche Erlebnis, die Stimmung spiegelt sich oft in den Artikeln wider. Persönlich hätte ich mir gewünscht, eine Auflistung der Blogbeiträge irgendwo zu sehen. Vielleicht gibt es die auch.

    Ich hätte mir hier mehr Besprechung der Wurm-Ausstellung oder des Künstlers gewünscht, aber das ist meine persönliche Sicht und jeder Blogger hat seine Ziele mit seinen Artikeln, die legitim sind. Ich habe dann als Leserin die Wahl, ob ich lese oder wegklicke. Spannend fand ich beispielsweise den Post: https://sofrischsogut.wordpress.com/2016/04/11/erwin-komm-doch-endlich-ins-gemachte-bett/

    Wie auch immer, hast mir genug Stoff zum Bei-dir-Scheiben geliefert und Ideen für einen damit verwandten eigenen Artikel, der mir schon länger unter den Fingern brennt.

    Also, sonnige Grüße aus München
    Tanja Praske

    1. Hallo Tanja, auf die letzten Kommentare habe ich nicht mehr geantwortet, weil ich mich nur wiederholt hätte, siehe meine vorangegangenen Kommentare. Die Diskussion „Blogger vs. Journalisten“ halte ich genau so für unnötig wie du, in meinem Beitrag geht es genau darum, um die Voraussetzungen ihrer Abschaffung. Und mit „stinknormaler journalistischer Arbeit“ meine ich genau, was du sagst, es gibt mittlerweile so viele unterschiedliche Ausformungen journalistischen Arbeitens, dass man zur individuellen Bedienung jeder einzelnen eine ganze Woche mit Presseterminen füllen könnte. Es gibt nicht mehr nur die EINE Form Journalismus, sondern viele, und dass dies endlich als selbstverständlich und damit „stinknormal“ anerkannt wird, das ist und bleibt meine Forderung. Als Journalistin, als Bloggerin, als Inhalte schaffender Mensch. Wer sich von Gleichbehandlung vereinnahmt sieht, darf gern unter sich bleiben, ist mir doch egal, nur trifft sich das nicht mit meinem Relevanzverständnis.

  2. Hallo Annika,

    ich muss mich hier auch kurz mal einklinken und fragen, warum all der Streit? Und warum die Unterscheidung von „krass frisch-freche Medienmachersorte “Blogger”“ und „etabliert-versierten Kollegen vom Kulturressort“? Das bringt doch nichts. Es gibt solche und solche. Zum Beispiel finde ich nicht immer und überall „versierte“ journalistische Beiträge zur Kunstkritik in den Blättern. Da wirst du mir sicher zustimmen, dass da auch mal nicht so gelungene Texte drunter zu finden sind. Genauso, wie es bei Bloggern auch sicher das ein oder andere Mal sehr oberflächlich zugehen mag. Aber alle in einen Topf zu werfen und sie auch noch gegeneinander aufzuwiegen (oder sollte ich sagen „aufzuwiegeln“) halte ich – gerade im Hinblick auf die Frage, ob man ernst genommen werden könnte – wirklich für kontraproduktiv.

    In diesem Sinne – leben und leben lassen. Meinetwegen auch Flausch (obwohl ich es langsam nicht mehr hören kann. Es hat so einen latent herablassenden Impetus).

  3. Hallo Annika,

    die Differenzierung von Bloggern und Journalisten irritiert beide Seiten, schließlich bloggen Journalisten, Blogger schreiben für etablierte Medien, dann machen Journalisten nebenher PR und Corporate Publishing und Menschen aus der PR bloggen journalistisch und sind als Freie bei der Presse – kurz: alles verschwimmt im Prinzip. Ja, es kann vielleicht befremdlich sein, wenn Institutionen vor diesem Hintergrund zwischen Bloggern und Journalisten unterscheiden. Pauschalisieren kann man die Lage aber zum Glück nicht, denn es gibt auch genug Institutionen, die eben nicht mehr differenzieren. Besonders die Debatte in Presseabteilungen und Agenturen, ob nun die Pressevertreter die größeren Diven sind oder ob Blogger die ausgeprägteren Allüren haben, zeigt: Im Notfall versucht man es jedem so Recht zu machen, wie es möglich ist, Hauptsache man bekommt am Ende eine Berichterstattung, welche die relevanten Zielgruppen erreicht. Insofern differenzieren eben manche Institutionen zwischen Bloggern und Journalisten und andere tun es nicht bzw. es werden verschiedene Formate ausprobiert.

    Für mich stellt sich die Frage nach der Wahrnehmung von Bloggern als „stinknormale journalistische Tätige“ nicht, weil es eben das „stinknormale“ Format der journalistischen Tätigkeit nicht mehr gibt. Institutionen fragen meiner Erfahrung nach nie nach dem Ausbildungshintergrund sondern nur danach, wo die Inhalte publiziert werden sollen. Passt die Plattform von der Zielgruppe und von der Reichweite her, steht einer Berichterstattung i.d.R. nichts im Wege. Nicht zu vergessen sind auch die Blogger, die weder den Anspruch noch die Ambition haben, journalistisch zu schreiben oder Kunstkritik zu üben. Auch das ist völlig legitim und den Institutionen ist es gleich – Hauptsache, wie oben erwähnt, die Zielgruppe und die Reichweite stimmen.

    Was das Thema Kritik angeht: Wer sich mehr Kunstkritik wünscht, dem steht es frei diesen Mangelzustand dadurch zu beheben, indem er selbst (mehr) Kunstkritik übt.

    Viele Grüße, Angelika

  4. Hm, dann verstehe ich wohl einfach nicht, was Du sagen möchtest. Woran machst Du denn fest, dass Kunstblogs irrelevant sind? Denn in der Filterblase Museum sind Kunstblogs alles andere als irrelevant. Ich beziehe mich auf diesen Satz von Dir: „Kann es sein, dass ihre separate Behandlung die Relevanz von Kunstblogs eher mindert als erhöht?“

    Noch ein Zitat:
    „Dass du mir mit solchem Fleiß einen persönlichen Haltungsschaden zuschreiben willst (ganz schön lange Kommentare für einen Blog, der nur alle paar Monate einen Rant abläßt und nicht mal ordentlich in den sozialen Medien präsent ist ;-))“

    Was mich jetzt doch irritiert: Warum fühlst Du Dich eigentlich angesprochen, wenn ich über ein Mal im Jahr bloggen und Rant in Richtung Kunstblogger usf. schreibe. Dem vorherigen Kommentar von mir ist zu entnehmen, dass mit dieser Aussage Matthias gemeint ist. Matthias, ich hab Dich lieb, aber das weißt Du ja.😉 Und wie gesagt, ich hatte Dich als Teilnehmerin für diese Veranstaltung vorgeschlagen. Ich mag Dein Blog und lese es gerne.

    Eigentlich würde ich nur gerne verstehen, was Du vom Museum und von Kunstbloggern erwartest. Deshalb schreibe ich ausführliche Kommentare und erkläre meinen Standpunkt. Und ich warf als Frage in den Raum: Haben andere Blogger vielleicht eine ganz andere Erwartungshaltung als Du? Denn, was ich nicht verstehe, noch einmal ein Zitat aus Deinem Text: „Warum nicht alle in einen Topf werfen? Warum nicht diese krass frisch-freche Medienmachersorte ‚Blogger‘ genauso behandeln wie die etabliert-versierten Kollegen vom Kulturressort? Nichts gegen Sonderbehandlung, natürlich nicht, aber werden Blogger, ob in der Kunst- oder jeder anderen Medienlandschaft, jemals als ganz stinknormal journalistisch Tätige wahrgenommen werden, wenn sie separat betreut werden?“

    Was spricht gegen eine Bloggerveranstaltung, die von einer PK abgekoppelt ist?

  5. Hallo liebe Annika,

    wie Du war ich zum #meetupbeimutti geladen und ich hatte Dich der Berlinischen Galerie und der PR-Agentur als Teilnehmerin empfohlen: http://www.artefakt-sz.net/kritik/kunstblogs-die-sie-auch-zu-einer-bloggerreise-einladen-koennten Deshalb ist bei artefakt auch dieser Beitrag erschienen.

    Ich kenne ja beide Seiten, die des Kunstkritikers und die des Bloggers. Und mit Kritik bin ich, wenn sie angebracht ist, nicht zimperlich. Beispiel Bloggerreise: http://www.artefakt-sz.net/kritik/wilde-maus-blogger-relations-in-deutschen-museen-ein-kommentar (Matthias nimmt im von Dir erwähnten Beitrag übrigens Bezug auf einen Vortrag, den ich im Rahmen einer Bloggerrunde in Düsseldorf hielt. Mein Vortrag war sehr kritisch, die Blogger wussten nicht, worüber ich reden werde, noch dazu war exakt keine Zeit für eine Diskussion. Auch hier könnte man so fair sein und sich einmal den Rahmen und die anwesenden Blogger ansehen. Nicht jeder hat den Anspruch, Kunstkritik auf Feuilletonniveau zu betreiben. Das machen ein paar Leute, aber es gibt eben auch Blogger, die einfach Kunst-Begeisterte sind. So what? Darf nicht jeder sein Blog so betreiben, wie er es möchte? Ist es nicht okay, wenn andere Leute andere Ansprüche an ihr Blog oder ans Schreiben generell haben? Was mich stört oder irritiert und darüber ging es in meinem Vortrag: Dass die Flauscher, wie ich die harmoniebedürftigen Blogger nenne, sofort twittern, man würde zetern und meckern, wenn man einen kritischen Text publiziert. Da wären wir aber beim eigentlichen Problem: Wie gehen Blogger mit Kunstkritik um, die selbst keine schreiben und offenbar auch keine lesen? Die Flauscher regen sich über die Kritiker auf und umgekehrt. Wohin führt das nun?)

    Deine Kritik kann ich hier nicht so ganz verstehen. Ich fühlte mich dadurch nicht degradiert, dass ich zu einer Bloggerveranstaltung geladen war und ich fühlte mich auch nicht weniger beachtet oder für voll genommen von Erwin Wurm oder der Berlinischen Galerie. Ich hatte eher den Eindruck, dass Wurm und der Direktor sich darüber gefreut haben, dass sie einmal nicht mit Journalisten reden mussten. Denn sind wir einmal ehrlich: PKs nerven schon ziemlich. Journalisten stellen häufig komische und offensichtliche Fragen, die Antwort steht meist in der Pressemappe, noch dazu halten sie den Presserundgang gern mit Fragen auf, die man im Anschluss einem Vertreter der Presseabteilung kurz stellen könnte. Es ist nicht immer so, aber oft.

    Ein wenig lustig wird es an der Stelle, an der Du schilderst, wie eine Frage von Dir nicht entsprechend gewürdigt und beantwortet wurde. Wenn ich mich recht erinnere, standen Erwin Wurm, der Direktor der Berlinischen Galerie und drei Blogger (ich war darunter) beisammen und unterhielten sich. Es war ein lustiges Gespräch, Wurm war bestens gelaunt und hat viel erzählt, dann kamst Du etwas stürmisch hinzu, unterbrachst die Unterhaltung und knalltest Wurm Deine Frage nach seiner Meinung zur Lage der Kunstkritik in Deutschland und zu seiner Lektüre um die Ohren. (Btw, ist das ein freudscher Verschreiber in Deinem Text: „aufgebrachte Frage“? Du warst aufgebracht, ja, so zumindest mein Eindruck. Keine leichte Kost Deine Frage, da muss man erst einmal nachdenken und wenn man mitten in einem Gespräch unterbrochen wird, reagiert man vielleicht auch nicht mit aller Ernsthaftigkeit. Ich behaupte an dieser Stelle jetzt einfach mal, dass Herr Wurm sicherlich anders reagiert hätte, wenn Du ihn gefragt hättest, ob er vielleicht Zeit hätte, Dir in Ruhe noch zwei oder drei Fragen zu beantworten. Dann wäre er sicherlich wie mit allen anderen vor Dir, einen Schritt zur Seite getreten, hätte sich Deine Fragen angehört und geantwortet.

    Übrigens habe ich mich darüber gefreut, dass die Berlinische Galerie so nett war, einmal eine Runde Kunstblogger zusammenzubringen. Das passiert ja nicht sehr oft. Viele habe ich zum ersten Mal getroffen und kennenlernen dürfen. Verwundert war ich darüber, dass erstaunlicherweise gerade die Leute aus Berlin (ich wohne in Hamburg, bin aber sehr oft in Berlin) den Kontakt nicht suchten und auch kein Teil der Kunstblogger-Filterblase in den sozialen Medien sind. Das war für mich an diesem Tag eigentlich die interessanteste Erkenntnis. Denn ich bin ja auch Instagrammer und unter Instagrammern ist genau das Gegenteil der Fall, auch bei den Berlinern. Jeder will jeden persönlich kennenlernen, sich austauschen, denn man weiß und verfolgt ja, was die anderen auf der Plattform so tun, auch wenn es einem ästhetisch nicht zusagt. So halte ich es auch mit der Lektüre von Blogs. Du hast Wurm erzählt, dass Du immer mehr liest. Mir geht es auch so. Ich lese und lese und lese, auch Blogs, die mir vom Stil her nicht so gefallen, aber ich lese sie, damit ich weiß, was so los ist. Und wenn ich dann einen anderen Blogger treffen darf, toll. So viel zum Thema „abgeschottetes Biosphärenreservat“. Und hier adressiere ich auch gern Matthias, den ich sehr schätze, das weiß er auch: Man kann nicht sagen, hey, ich lese Euch alle nicht, will ich auch nicht und trotzdem in den Raum werfen: Hey, das was ihr macht, das ist nicht gut. (Wie will man das eigentlich beurteilen können, wenn man all die Blogs nicht kennt und nicht liest?) Ja, aber dann betreibt doch Euer Blog, lest das, was Euch gefällt, und erwartet nicht von allen anderen Bloggern, dass sie die gleichen Ansprüche haben müssen wir ihr.

    Viele Grüße,
    Anika

    1. Hallo Anika, komisch, weder war ich aufgebracht, noch habe ich mit der Frage die Runde unterbochen, es war tatsächlich meine dritte oder vierte Frage in Folge, und meine erste Frage bezog sich auf Herrn Wurms Aussage, Blogger seien die wichtigeren Journalisten, insofern eine logische Weiterführung des Themas und keinesfalls ein mit der Tür ins Haus fallen. Unhöflichkeit als Grund für eine mangelnde Antwort lasse ich also nicht gelten. Wie auch immer, mir geht es um einen anderen Punkt, nämlich den der Unterscheidung von Bloggern und Journalisten, die du ja auch zu treffen scheinst. Ich als Journalistin nicht. Ich habe mich zwar keineswegs degradiert gefühlt, kann diese Interpretation von dir nicht nachvollziehen, bleibe aber bei meiner Einschätzung, dass die separate Behandlung von Kunstblogs ihre journalistische und/oder kunstkritische (gibt ja Leute, die das strikt trennen) Relevanz nicht erhöhen wird, und das war mir eigentlich mal ein Anliegen.

      1. Hallo Annika, Du gehst sehr stark von Deinem Standpunkt aus, kann das sein? Darauf komme ich ja schon in meinem ersten Kommentar zu sprechen. Ich glaube nicht, dass sehr viele Blogger den Anspruch haben, wie ein Journalist zu arbeiten, zu schreiben und rezipiert zu werden. Es gab vor ein paar Monaten eine ausgiebige Diskussion in der Buchbloggerszene, die gerade noch einmal kurz aufflammte, als es um das Thema der Monetarisierung ging. Es preschte eine Bloggerin voran und sagte, hey, alles mega, super wichtig, total relevant, Kinder, verlangt unbedingt alle Geld für das, was ihr da in Euren Blogs tut. Irritation. Ja, hm, wofür nun Geld nehmen und warum. Eine will Geld verdienen, also müssen alle anderen auch Geld verdienen wollen. (Wäre ja auch zu blöd, wenn alle anderen das, was sie für Geld anbietet, gratis machen.) Aber lassen wir mal das Geld beiseite, darum geht es hier ja gar nicht. Was will ich mit dem Vergleich sagen? Du verstehst Dich und Dein Blog als kunstkritisches Medium auf Feuilletonniveau und mit eben diesem Anspruch. Aber viele andere haben gar nicht den Anspruch, zu arbeiten und zu schreiben wie ein Journalist, weil sie eben gerne über sich schreiben und einfach nur erzählen wollen, wie schön es in dieser und jener Ausstellung war usf. In einer Diskussion auf Twitter habe ich überspitzt von Schulaufsatz und Lobgesang gesprochen. Und klar, ich unterscheide zwischen Bloggern und Journalisten, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass ein Blogger auch Journalist ist und umgekehrt. Bestes Beispiel Dirk von Gehlen. Sogar Sascha Lobo wird immer noch Blogger genannt. Ronja von Rönne, Bloggerin und Welt-Redakteurin.

        Vielleicht habe ich mit „degradiert“ das falsche Wort gewählt. Du sprichst von Relevanz. Aber warum sind Kunstblogs denn nicht relevant? Ist das vielleicht nur in Deutschland so und wenn ja, warum? Hyperallergic ist sicherlich nicht irrelevant. Wenn man relevant sein möchte, muss man doch zuerst einmal versuchen, relevante Texte zu schreiben. Gibt es denn in Deutschland ein Kunstblog, das Hyperallergic auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte. Philipp und ich hätten zu zweit niemals die Kapazität, an diesen Output auch nur ansatzweise heranzukommen. Denn, nun sind wir doch beim Thema Geld, die Kunstbloggerei wirft keine Kohle ab und keiner von uns sitzt auf Millionen. Warum gibt es denn das Donnerstag-Blog nicht mehr? Die Jungs haben alle Jobs. Einer von denen sitzt nun in der art-Redaktion und hat ein Format des Blogs, die Presseschau, dorthin mitgenommen. Wenn man alle paar Monate mal einen launischen Text in sein Blog stellt und in den sozialen Medien nicht präsent ist, dann wird das eigene Blog eben nicht sehr stark rezipiert. Es ist also weniger ein Museum, das ein separates Event für Blogger organisiert daran Schuld, dass Kunstblogs nicht sehr im Gespräch sind, sondern die Kunstblogger selbst, oder? Aber vielleicht täusche ich mich: Vielleicht muss einen die Welt für relevant befinden, nur weil man einmal im Jahr einen Rant über die Irrelevanz und Kritiklosigkeit der Kunstbloggerszene schreibt.

      2. Haha, Feuilleton-Niveau ist sicher das letzte, was ich anstrebe! Und über einen Mangel an Rezeption und Relevanz habe ich mich nie beschwert. Sondern ich habe für ein inklusiveres Medienvertretersortenverständnis plädiert, das die Relevanz von Bloggern heben würde, egal wie flauschig sie schreiben übrigens, schließlich hat jeder Medienvertretertypus seine Flauschkandidaten. Dass die Kunstblogger selbst schuld sind an mangelnder Relevanz, ja, genau das sagte ich ja. Wobei schuld vielleicht nicht das richtige Wort ist, wenn sie anscheinend gar keine Relevanz wollen. Dass du mir mit solchem Fleiß einen persönlichen Haltungsschaden zuschreiben willst (ganz schön lange Kommentare für einen Blog, der nur alle paar Monate einen Rant abläßt und nicht mal ordentlich in den sozialen Medien präsent ist ;-)), läßt mich zu dem Schluss kommen, dass Kunstblogs und kunstkritische oder sonstige Relevanz tatsächlich nicht in einem Zusammenhang zu diskutieren sind, was schade ist, denn um relevant zu sein braucht es so wenig, nicht mal einen Output von Hyperallergic-Dimensionen, wie man ja am von dir zitierten Donnerstag schön sehen konnte, der hat seine Relevanz ganz ohne fetten Output geschafft, und Geld braucht es schon mal gar nicht, sondern es braucht vielleicht einfach nur den Willen, das, was man tut, in Beziehung zu setzen zu dem, was andere tun, oder irgendwas anderes mit persönlicher Haltung oder wie das heißt, ich hör‘ immer nur davon, soll nicht nur unter echten Journalisten grad sehr en vogue sein, aber jedenfalls braucht es weder Contentmassen noch Kohle. Zugegeben, das mit dem in Beziehung setzen zur Kunstbloglandschaft habe ich in der Vergangenheit selber nicht getan. Aber jetzt ist ja Gott sei Dank gleich der erste Versuch gescheitert, kann mich also in Ruhe wieder relevanteren Dingen zuwenden. Und den Abwasch erledigen.

  6. Ich konnte urlaubsbedingt nicht dabei sein, habe aber die üblichen Blogs verfolgt, was bei der Veranstaltung vor sich ging. Wie wurde auf deine Frage zur Kunstkritik reagiert? Betroffenes Schweigen? Würde jedenfalls zu meinen bisherigen Erfahrungen passen.

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