Globales Studio-Karussell

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Stusu-Gründer Melina Volkmann, Ralf Dereich. Photo© Christoph Neumann.

Am Studentenwerk der kalifornischen St. Thomas University ist Stusu mittlerweile vorbeigezogen. Dessen Website war bislang der erste Treffer bei Google, wenn man „Stusu“ suchte. Aber offenbar hat die Suchmaschine schnell begriffen, dass, wer „Stusu“ googelt, kein amerikanisches Studentenwerk braucht, sondern ein Atelier auf Zeit.

Die Idee, eine Art Airbnb für Künstlerstudios zu launchen, ist so schlau wie eingängig. Noch schlauer ist es, die angebotenen Studios nur zu inserieren anstatt Provision für die Vermietung zu verlangen, weil man auf diese Weise das leidige Thema Haftung umgeht und die Verantwortung für Transaktionen bei den Akteuren selbst verbleibt. Aber solange das Inserieren umsonst ist, wie generiert das von den Gastronomen Stephan Landwehr und Boris Radczun mit Startinvestition versehene Stusu dann Umsatz? Die Macher Melina Volkmann und Ralf Dereich entstammen selber der Zielgruppe, für die ihr Angebot gedacht ist, womit das Wichtigste gegeben wäre, was es zur erfolgreichen Gründung braucht: Authentizität. Aber die Schule der Geläufigkeit für Gründer von social Start-ups haben die beiden nicht durchlaufen. Sonst würden sie sich z.B. abgesehen von zarten Andeutungen zum Geschäftsmodell nicht so bedeckt halten. Das ist zwar dort, wo Geld mit Kunst verdient wird oder gern werden würde, natürlich grundsätzlich üblich, aber in der Start-up-Szene nicht mehr. Das zu Gründungszeiten von Facebook gängige Prinzip „Erst Reichweite aufbauen, dann über Monetarisierung nachdenken“ bringt, vielleicht mit Ausnahme von Instagram, keine Erfolge mehr hervor.

Ein von Anfang an klar formuliertes Geschäftsmodell hätte man aber auch deshalb gern, weil Stusu ganz hervorragend auf die wirtschaftlichen Aspekte heutiger Kunstproduktion zugeschnitten ist, also ökonomisches Bewusstsein zeigt. Das Kunstmachen wird immer globaler, das Atelier als Keimzelle und Hüter eines lebenslang verorteten künstlerischen Schaffens stirbt aus. Künstler, die ein Auslandsstipendium absolvieren, am Standort ihrer Galerie Arbeiten für eine Ausstellung produzieren, für die Produktion einer Arbeit mehr Raum oder eine andere Atelierausstattung brauchen oder einfach nur gerade ihre Miete nicht zahlen können, sind perfekte Stusu-Kunden. Aber (und hier wird es richtig interessant) nicht nur die: Unter vielen Menschen gilt das Künstlersein ja als cool – hauptsächlich unter Nichtkünstlern. Und die bilden eine nahezu unendlich skalierbare Zielgruppe. Leute, die wissen wollen, wo die Kunstwelt so wohnt, isst, feiert, die durchs Schlüsselloch schauen wollen oder sich sogar ein Studio mieten würden, weil sie einfach mal der Szene nahekommen und Künstler spielen wollen oder sich selbst finden oder was auch immer, auch das wären Stusu-Kunden. Denen man nicht nur entsprechendes Angebot machen, sondern auch gleich sagen muss, was der Spaß kostet: Künstler zahlen, indem sie Einblick geben in ihre Lebenswelt, Nichtkünstler zahlen in harter Währung. Egal wie Stusu vermarktet werden soll, funktionieren tut das Ganze natürlich nur, wenn es genutzt wird, und das als erstes von der Kernzielgruppe. Wer also ein Studio zu vermieten hat, weiß jetzt, was zu tun ist: stusu.com.

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