10 Versäumnisse aus 2015

Opener

Was 2015 nicht passiert ist, das wird 2015 auch nicht mehr passieren, denn 2015 ist vorbei. Und was nicht passiert ist, kommt in keinem Jahresrückblick vor. Es sei denn, es handelt sich um den BLITZKUNST-Jahresrückblick, der zwar mit ein paar Wochen Verspätung erscheint, dafür aber zehn Blogeinträge versammelt, die 2015 nicht passiert sind, obwohl genau dies nicht hätte passieren dürfen.

1. Jahresrückblick 2014
Hätte der erste Beitrag des Jahres 2015 werden sollen. Passender Auftakt für ein Jahr voll des Nichtpassiertseins.

2. Die Kunst von Harald Glööckler
1 Glööckler KunstWeite Teile der Kunstwelt haben keine Ahnung, dass Modeschöpfer Harald Glööckler auch Künstler ist – wie auch, wenn kein entsprechender Blogbeitrag darüber informiert. Tatsächlich hat Glööckler ein buntes Händchen für die Umwandlung von Beständen der Deko-Abteilungen von Baumärkten, wie er anlässlich einer Vernissage in Berlin am 18. April 2015 bewies. Man könnte fast von einer Wiederbelebung des von Rolf Glasmeier etablierten Genres der „Kaufhaus-Kunst“ sprechen, wenn der Vergleich nicht heftig hinken würde und wenn nicht Glööckler selbst schon eigene Begrifflichkeiten etabliert hätte, welche er der Öffentlichkeit als Broschüre zugänglich machte. Titel: „Kunstbericht über die Meisterwerke von Harald Glööckler“. Soviel Ehrlichkeit hätte einen ausführlichen Beitrag verdient.

Sexauer Hinterzimmer

Photo© Sexauer Gallery.

3. Jan Sexauer
Es gibt nicht viele Galeristen, die sich in ihrer Arbeit selbst so sehr zeigen wie Jan Sexauer. Um das zu erkennen, muss man nicht mal mit ihm reden, es reicht ein Blick in sein Hinterzimmer, eine Art verräumlichtes Persönlichkeitsprofil – manche Galeristen sitzen ja in sehr sehr leeren Räumen… Mit Sexauer zu reden schadet natürlich auch nicht, wie BLITZKUNST-Leser bemerkt hätten, wenn das vor ewiger Zeit geführte Interview mit ihm denn auch mal erschienen wäre.

4. Vom Ende des Projektraums/Project Space Festival
In Berlin gehört es ja zum guten Ton, die super Arbeit der Projekträume zu loben, auch wenn man deren Programm kaum anschauen geht, und das Project Space Festival ist tatsächlich eine Aktion, der Bewunderung und höchste Aufmerksamkeit gebührt. Der nichtpassierte Beitrag zum Thema Projekträume allerdings hätte etwas anderes gelobt, nämlich die Publikation „Vom Ende des Projektraums„, eine Bestandsaufnahme, die an (gedanklicher und sprachlicher) Klarheit und Reflexionstiefe zum Besten gehört, was der schreibende Teil der Berliner Kunstszenen hervorgebracht hat.

Resch Brumnjak

Photo© Boris Brumnjak.

5. Boris Brumnjak, Drucker von Magnus Resch
Wenn man als Kunde bei einer Druckerei etwas drucken lässt, dann erwartet man ein Ergebnis, das so aussieht wie die Druckdaten, die man abgeliefert hat. Sieht es anders aus, dann ist es in der Regel verdruckt. Also schlechter als das Original. „Anders“ im Sinne von „inhaltlich verändert“, so etwas kommt nicht vor, und „inhaltlich verbessert“ schon mal gar nicht. Dass Drucker Boris Brumnjak (Gallery Print) die ganze Auflage der, nun ja, ambivalent rezipierten Publikation „Management von Kunstgalerien“ des ebenso ambivalent rezipierten Magnus Resch handschriftlich nachbearbeitete, um gegen die von Resch aus der Medienbranche übernommenen Plattitüde „Print is dead“ zu protestieren, kann aus Druckerperspektive als Sakrileg gewertet werden. Oder als genialer Schachzug. Denn der Eingriff, der nebenbei die gesamte Auflage zu Unikaten machte, erzeugte ein Maß an Aufmerksamkeit, das nicht nur die Mär vom totgesagten Print widerlegte, sondern auch dem Autor Sympathiepunkte einbrachte. Den Verdacht, die Aktion sei abgesprochen, wies Resch zwar zurück, gab aber zu, dass er anders als sein Verlag, der die Bücher habe zurückziehen wollen, sofort erkannt habe, dass er von der Nummer profitieren würde. Brumnjak dagegen ging ein ziemlich großes Risiko ein: Schließlich könnten sich zukünftige Kunden unwohl fühlen bei einem Drucker, der auf die Idee kommen könnte, ihre Inhalte zu verändern – auf der anderen Seite gibt es wahrscheinlich nicht so viele, bei denen so etwas nötig wäre.

6. Atelierbesuch bei Michelle Jezierski
Michelle Jeziersky StudioDas Muster geht so: Bei Künstlern, deren Kunst man gut findet, macht man manchmal einen Atelierbesuch. Wenn man die Kunst danach immer noch und vielleicht auch deren UrheberIn mag, nimmt man sich vor, einen Beitrag darüber zu machen, und dann oh guck‘ mal, ein Schmetterling. Die Malerei von Michelle Jezierski allerdings ist ein raffiniertes kleines Biest. Ihre gefällig geschmeidige Eingängigkeit löst beim ersten Anblick den Verdacht auf Aus-dem-Auge-aus-dem-Sinn-Wirkung aus. Ein Verdacht, der sich aber nicht nur nicht bewahrheitet, sondern im Gegenteil einer Aus-dem-Auge-IN den Sinn-Wirkung weicht. Der Beitrag, der erklären sollte, warum das so ist und warum Jezierski als Malerin auf einem schmalen Grat balanciert, wird also irgendwann doch noch passieren müssen, was auch deshalb eine gute Idee ist, weil er schon halb fertig ist.

7. Lobotom Zine und andere Kunstdrucksachen
Magazine. Es gibt nichts komplexeres, kontextverdichtenderes, virtuelleres oder auch einfach nur geileres als die Bündelung einer Anzahl von bedruckten Papierblättern. Inhalt, Format, Druckverfahren erstmal egal, solange den Seiten das Gefühl von Spaß beim Machen entströmt. So wie zum Beispiel beim Lobotom Zine, dessen Ausgabe #3 bis heute nicht im BLITZKUNST-Regal steht, was dazu passt, dass der entsprechende Beitrag nie passiert ist.

8. Zeitstipendien
Künstler zu sein allein legitimiert noch keine Förderung, das wissen wahrscheinlich mittlerweile alle Angehörigen der sogenannten Freien Szene, und staatliche Förderung gibt’s eh nur dann, wenn es welche gibt, weshalb Künstler in Berlin sich eh immer schon nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten umschauen mussten. Aber jetzt, ein Hoffnungsstreif. Auf einmal gibt’s doch ein bisschen was. Was auch daran liegen könnte, dass die Freie Szene ihrer Forderung Nachdruck verliehen hat, indem sie diese mit einem Ausweis ihrer künstlerischen Daseinsberechtigung versah bzw. diese selbst als Kunst präsentierte. Die „AG Zeit“, das Format „Zeitstipendien“ und besonders die Figur der Avatara Plenara Zeitstipendia, dafür hätte man mal etwas Zeit in den ein oder anderen Beitrag stecken können.

9. Kunstkritik als/gegen/und Journalismus
Vor einer Weile gab es eine Podiumsdiskussion im Haus am Lützowplatz zum aktuellen Zustand der Kunstkritik. Es kam auch die Frage nach Kongruenz bzw. Abgrenzung von Kunstkritik und Journalismus auf, was für so erstaunliche Widersprüche und Herumeiereien unter den Diskutierenden sorgte (mehr oder weniger ausgeprägt allerdings, wenig Eiern war auszumachen bei Elke Buhr und Andreas Koch, etwas dolleres Eiern dagegen bei Kolja Reichert und totales Abkacken bei Gerrit Gohlke), dass der Beitrag, der nicht nur die Debatte zusammenfassen, sondern auch eigene Gedanken dazu beitragen wollte, denn Kunstkritik ist sehr wohl Journalismus, und das kann ich beweisen, müsste es nur mal tun, in einem Beitrag dazu, dass dieser Beitrag also keinesfalls nicht hätte passieren dürfen, weshalb er 2016 passieren wird.

10. Castor & Pollux und die Kunstblog-Situation
Und er bloggt wieder! Matthias Planitzer hat Castor & Pollux wiederbelebt und seinen „Neuanfang“ mit einem Beitrag markiert, der eine Reihe von Fragen nach der Rolle von Kunstkritik und Kunstblogs stellt, die man sich als Kunstblogger entweder selber stellt oder kommentieren könnte. Ein debattenanstoßfähiger Beitrag also, auf den ich umgehend hätte reagieren müssen, und zwar nicht (nur deshalb), weil BLITZKUNST darin sehr gut wegkommt. Sondern zum Beispiel deshalb, weil Kunstblogs zumindest im deutschsprachigen Raum weit von der ihnen möglichen Wirkungsentfaltung entfernt sind. Was sich nicht zuletzt in den Bewerbungskriterien zeigt, die der ADKV für die einzureichenden Texte zum Preis für Kunstkritik nennt: „Alle Texte müssen in einem Printmedium oder einem überregionalen Online-Medium veröffentlicht sein.“ Was nicht nur Blogs oder Social-Media-Only-Formate ausschließt, sondern mit der Betonung auf „überregional“ auch ein irritierendes Verständnis von Leserbewegungen in digitalen Kanälen beweist. Wahrscheinlich müßig zu erwähnen: Auch dieser nicht passierte Beitrag muss unbedingt passieren.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s