Das Sehen sehen

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Ornella Fieres, „Fading Away“, 2015. Courtesy Sexauer Gallery, Berlin.

„Nie wissen wir genau, was wir sehen“, heißt es in der Pressemitteilung zur kommenden Ausstellung von Ornella Fieres in der Sexauer Gallery. Diese Aussage bezieht sich auf den facettenreichen Manipulationsgehalt der Arbeiten der Künstlerin, hat im Zweifel aber Allgemeingültigkeit. Und sie lässt sich weiterdrehen: Selten wissen wir genau, dass wir sehen. Als Voraussetzung für die Rezeption von Kunst gilt dieses Sehen ja als so notwendig wie selbstverständlich. Dummerweise ist aber gerade die Selbstverständlichkeit der größte Feind der Wahrnehmung. Erschreckend, der Gedanke, was wir alles nicht sehen, weil wir uns nicht bewusst machen, dass wir es tun.

Ornella Fieres manipuliert Fotos, dokumentarische wie inszenierte. Manche ihrer Bilder sind Inszenierungen, die dokumentarisch wirken, andere sind freie Erfindungen, die aber aussehen wie Bilder, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Da weiß man also, dass man genau hinsehen muss. Und hat vielleicht trotzdem das Gefühl, doch nicht das gesehen zu haben, was man sehen soll – was einen aber nicht zu frustrieren braucht, solange man nur eins gesehen hat: dass man sieht.

Das Sehen sehen, darum geht es auch in Stefan Zeyens Videoarbeit About Contempt (2015). Ihre Präsentation im Rahmen von Videoart at Midnight fällt auf das Datum der Ausstellungseröffnung von Fieres. Zufall wahrscheinlich, aber es gibt eine Verbindung: Zeyens Arbeit wurde in der Sexauer Gallery gedreht. Zur Aufführung des auf Jean-Luc Godards Die Verachtung basierenden Werks wird im Kino Babylon die Filmmusik des Originals live am Klavier gespielt, Kamerafahrt und Schnitt sind identisch mit Godards Film, sonst ist alles anders. Beziehungsweise, alles weg. Keine Schauspieler, keine Ausstattung, keine Dialoge, nichts, nur die Kamera, die durch den Sexauerschen White Cube streift. Wenig Augenfutter, und doch sieht man die Geschichte, oder vielmehr eine Geschichte. Den Originalfilm muss man nämlich gar nicht kennen. Es geht nicht darum, das innere Auge anzuwerfen, um Leerstellen zu füllen, auch wenn Betrachter, die Godards Film präsent haben, wahrscheinlich nicht umhinkommen werden, genau das zu tun. Es reicht zu erkennen, dass das Sehen an sich eine Geschichte erzählt.

Zwei Angebote, sich sehenden Auges dem Sehen zu widmen, an einem Abend, an zwei Orten und doch an einem:

Ornella Fieres, „Looks Like You Tried to Go Somewhere That Does Not Exist“, Sexauer Gallery, bis 19. Januar 2016, Eröffnung 27. November 2015, 18-21 Uhr

Stefan Zeyen, „About Contempt“ (2015, 103 min), Videoart at Midnight, Kino Babylon, 27. November 2015, 23.55 Uhr

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