Super seriös, Handelsblatt!

Handelsblatt Achenbach

Screenshot eines am 19.1.2015 veröffentlichten Artikels auf http://www.handelsblatt.com.

Das Handelsblatt, eine der letzten Bastionen seriöser Kunstmarktberichterstattung in der Mainstreammedienlandschaft. Denkt man. Und dann liest man. Nämlich den Bericht über die Zeugenvernehmung von Babette Albrecht im Achenbach-Prozess am 19. Januar am Landgericht Essen. Der fängt so an: „Sie war es, die mit ihrer Strafanzeige gegen Helge Achenbach überhaupt den Prozess ins Rollen brachte. Nicht in Escada gekleidet, sondern eher burschikos mit einer überdimensionierten weißen Rüschenbluse, Blazer mit Goldknöpfen, kniehohen Wildlederstiefeln und einer Vokuhila-Dauerwelle, aber mit Hermès-Handtasche trat Babette Albrecht (54), die Ehefrau des 2012 verstorbenen Berthold Albrecht, vor dem Landgericht Essen am Montag auf.“ So fängt der Artikel an. Weil sich der Autor aber nicht sicher ist, ob auch jeder Leser verstanden hat, dass er da gerade die optische Erscheinung von Frau Albrecht zum Anlass für eine Verurteilung ihrer Person genommen hat, geht der Artikel auch so weiter.

Jedes einzelne Zitat der Albrecht-Witwe im Handelsblatt-Text bestätigt, dass sie sich weder mit Kunst auskennt, noch über irgendeine Form von Reflexionsvermögen verfügt. Ein Picasso gefällt ihr nicht, weil darauf nur drei Mädchen abgebildet sind und sie ja vier Töchter hat; ob ein Kauf auf der Messe in Basel oder Miami getätigt worden sei, erinnert sie nicht, denn die Messen sähen doch eh alle gleich aus; dass Herr Achenbach ihrem Mann Oldtimer-Sportwagen vermittelt habe, in die er mit seinen Körpermaßen gar nicht reingepasst habe, findet sie gar nicht nett vom Herrn Achenbach. Ja, die Zitate der Frau Albrecht entbehren nicht einer gewissen Komik, aber zugleich wird die Frage nach den Beweggründen für die Haltung des Autors immer drängender, und am Ende fragt man sich, warum die Headline nur so subtil wertet und statt „Offenbarungen einer Belastungszeugin“ nicht gleich „Das naive Gelaber einer Dumpfbacke“ lautet. Das wäre wenigstens ehrlich, denn genau darum geht es dem Autoren: Frau Albrecht möglichst unbedarft und dumpfbackig aussehen zu lassen. Blöderweise gibt es bezüglich der sinnfreien Beschreibung der Dummheit anderer aber eine Gleichung, die da lautet: Selber.

Anders als Journalisten mit einem veralteten klassischen Rollenverständnis finde ich es völlig ok, als Journalist Position zu beziehen, ohne „Kommentar“ über den Text zu schreiben. Ich finde es auch völlig ok, sich über Menschen lustig zu machen, auch als Journalist. Aber nur, wenn damit ein inhaltlicher Mehrwert einhergeht. Tut er es nicht, wie im vorliegenden Fall, bleibt nur die Vermutung, der Autor Lucas Elmenhorst, der als Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Kunstrecht in der Berliner Kanzlei dtb Rechtsanwälte tätig ist, sei in irgendeiner Form persönlich touchiert. Wollte er vielleicht mal die Albrechts in seiner Funktion als Kunstrechtberater als Kunden gewinnen und erhielt eine Abfuhr? Gab es irgendwelche Verbindungen mit Helge Achenbach über die Deutsche Bank, wo Elmenhorst im Key Client Management tätig war? Oder hat er nur einfach etwas gegen Frauen, die mit „kniehohen Wildlederstiefeln und einer Vokuhila-Dauerwelle, aber mit Hermès-Handtasche“ auftreten? Vermutlich lautet die Antwort auf jede dieser Fragen „Nein“, aber allein der Umstand, dass dem Leser solche Fragen kommen, steht dem Autor gar nicht gut.

Es gab eine Zeit, da war ich kurz davor, mir ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Team Achenbach“ zu besorgen. Einfach nur als Gegengewicht zu den scheinheiligen Achenbach-Distanzierungsbekundungen von Kunstmarktakteuren, die alle genauso Nutznießer des Systems sind wie der gefallene Kunstberater, der dummerweise anscheinend nur den Fehler machte, die Möglichkeiten dieses Systems aggressiver auszutesten als andere. Aber die Rolle von Frau Albrecht im Achenbach-Prozess durch den abwertenden Fokus auf ihre intellektuellen und ästhetischen Fähigkeiten ins Lächerliche zu ziehen, ist peinlich – erst recht, wenn es ein Rechtsanwalt tut.

2 Kommentare

  1. Seltsam, dass das Handelsblatt so etwas überhaupt zur Veröffentlichung zugelassen hat…. Die hätten doch auch gute Journalisten!

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