Das Beste der abc in einer Stunde

Tobias Rehberger

Der Staubsaugende passt kompositorisch toll zur Installation von Tobias Rehberger (neugerriemschneider), gehört aber nicht dazu.

Das Gute an der diesjährigen abc art berlin contemporary: sie ist weniger und mehr zugleich. Dank einer angenehm übersichtlichen und ganz auf die Bedürfnisse des Betrachtens ausgerichteten Anordnung kann man sich innerhalb einer Stunde einen umfassenden Eindruck verschaffen. Dank performativ angelegter Präsentationen kann man aber auch viel länger bleiben. Auch dieses Jahr gibt es natürlich wieder ein paar Dinge zu sehen, die kein Mensch braucht (wobei der Goldfisch in einem zum Goldfischglas umfunktionierten Halbedelstein sicherlich zu den am wenigsten brauchbaren gehört, zumal er wahrscheinlich alle paar Stunden wegen Tod durch Einsamkeit und Bewegungsmangel ausgewechselt werden muss), aber das fällt bei den ganzen Highlights kaum auf. Hier fünf der wirkungsstärksten Positionen:

 

Voll ins Auge mit Fiete Stolte

Fiete StolteDie Sache mit dem Verhältnis von Kunst und Betrachter lässt sich entweder theoretisch angehen und damit bis in alle Unendlichkeit auswalzen oder in einem dreiminütigen Aha-Erlebnis abhandeln: In Fiete Stoltes modifizierten Passbildautomaten setzen, auf den Selbstauslöser drücken, Passbild vom eigenen Auge mit eigener Silhouette in der Pupille ausdrucken lassen, 50 Euro bezahlen, Unikat einer unlimitierten Serie mit nach Hause nehmen – mehr Auge in Auge mit der Kunst geht nicht. Achtung: Sorgt für Nachbilder im Hirn.

 

Anca Munteanu Rimnic als Bär im Glasladen

Anta Munteanu RimnicVielleicht war der beste Moment dieser Performance, noch bevor sie richtig begann, nämlich als die Künstlerin lautstark nach Hilfe rief, weil sie sich ohne diese in ihrem sperrigen Bärenkostüm nicht in ihrem Arrangement aus Glasobjekten hätte positionieren können, ohne dass etwas zu Bruch gegangen wäre. Was insofern nicht schlimm gewesen wäre, als sich im Verlauf der Performance herausstellte, dass das Erzeugen von Glassplittern eh als intendierter Bestandteil der Aktion gedacht war. Toller Nebeneffekt: Die Geräusche von zu Bruch gehendem Glas lassen Besucher in der ganzen Halle zusammenzucken. Nirgends wirken solche Geräusche so intensiv wie dort, wo Kunst ist.

 

Auf der Suche nach Charlotte Posenenske

Charlotte PosenenskeDen Werken von Charlotte Posenenske begegnet man immer wieder beim Gang über die Flächen. Unaufdringlich und präsent zugleich, korrespondieren sie zum Teil so gut mit den Raumstrukturen, dass sie auch in situ hätten entstanden sein können. Eine der Arbeiten soll sogar so gut versteckt sein, dass die künstlerische Leiterin Maike Cruse verspricht: „Wer die findet, bekommt einen Preis“. Ein bei der Pressekonferenz etwa 1,5 Sekunden lang gezeigtes, unscharfes Hinweisfoto lässt auf eine anscheinend ziemlich kleine Arbeit schließen, irgendwo an der Wand in Deckenhöhe angebracht.

 

 Toast Hawaii und Eierlikörchen von John Bock

John BockMan muss nicht verstehen, ob Toast Hawaii triebfördernd oder -dämpfend ist, um den Inbegriff kleinbürgerlicher Vorstellungen von Exotik serviert zu bekommen, und zwar von John Bock höchstpersönlich gebacken. Soweit sich beim Schnellcheck feststellen ließ, bekommt man alternativ oder zusätzlich auch einen Eierlikör, wahrscheinlich zur kontrapunktischen Beruhigung angesichts der in Bocks Bude herumturnenden Jahrmarktsattraktion. Schwierig zu beschreiben das alles, man muss es gesehen haben.

 

Einsames Trinken bei Alex Hubbard

Alex HubbardVom Eierlikör ist es nicht weit zu den harten Sachen, wobei Trinken ja erst so richtig hart wird, wenn man es allein tut, so wie es Alex Hubbard vorschlägt mit seiner Ein-Mann-Bar, gebaut aus einer Kunsttransportkiste. Was sich natürlich als Verweis darauf lesen lässt, wie viel in der Kunstwelt getrunken wird, wenn auch nicht allein, wie jede Bar bezeugen kann, die jemals in einem Kunstumfeld entstanden ist. Trotzdem bringt ausgerechnet diese Arbeit eine Melancholie in die Hallen der abc, die einen für einen Moment ganz auf sich selbst wirft, bevor man sich wieder dem Treiben des Eröffnungstages übergibt.

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