Straße der Kunst für unter Hundert

Foto-109Wenn man sich die perfekte Kleinstadt vorstellen wollte, dann würde man dort unter anderem folgende Läden sehen: einen Friseur, der bestimmt „Haarstudio“ mit dem Namen der Inhaberin dran heißen würde, und dazu passend ein Nagelstudio, das könnte man zum Beispiel „Happy Nails“ nennen. Eine Fahrschule bräuchte man auch, die hieße neckisch-optimistisch „Success“, und der Optiker hieße ebenso optimistisch „Lichtblick“. Einen Asia-Imbiss gäbe es natürlich auch, und eine Pizzeria sowieso, die trüge einen unverkennbar italienischen Namen, „Romana“ zum Beispiel. Dann hätte man noch einen Bäcker, eine Apotheke, einen Wäscheladen (wie wäre es mit „Drunter & Drüber“?), einen Krimskramsladen, einen Lottoladen, halt alles, was man so braucht.

All diese Läden gibt es wirklich. Nicht in einer Kleinstadt, sondern in einer einzigen Straße in Berlin: der Gustav-Adolf-Straße im Bezirk Weißensee. Und jeder dieser Läden verkauft Kunst. Jedenfalls ein paar Tage lang, nämlich im Rahmen der ART WEISSENSEE, die jene Sphären Berlins und Berliner Kunstproduktion umfasst, die außerhalb des Bewegungsradius der Berlin Art Week liegen.

Vor einem Jahr lockte eine Ausstellung von Schülern der Kunsthochschule Weißensee mit Werken „Unter Hundert“ in die Kunsthalle am Hamburger Platz. Dank des Verkaufserfolges ist man in diesem Jahr selbstbewusster: Ort und Konzept der Ausstellung sind dieselben, aber der Titel lautet jetzt „UTA – Werke Unter TAusend“. Die ultimativen BLITZKUNST-Favoriten, die bitte unbedingt jemand erwerben muss: ein platiniertes Porzellan-Schlagloch aus der Pflügerstraße mit dem Titel Inlay von Carolin Wachter für 650 Euro, ein Siebdruck (Unikat) mit dem Titel Kleines Reiterstandbild von Franziska Partzsch für 220 Euro, sowie ein original Fahrkartenentwerter, der für diesen Zweck bereitgestellte weiße Karten mit einem Jungen im Meer bedruckt, von Sebastian Omatsch für 960 Euro.

Sebastian OmatschDas Segment „UHU“, also das mit Werken unter hundert Euro, ist dafür in die genannten Läden gewandert. Was ein komplexes Shopping-Erlebnis garantiert. Um zwischen Ladendekoration und Warenauslage die Kunst zu entdecken, muss man in manchen Geschäften schon genau hinschauen. Dafür sind die Werke dann so günstig, dass man sich zwecks konsequenter Erlangung eines ganzheitlichen Kunsterlebens noch eine Maniküre im Nagelstudio Happy Nails oder ein Essen in der Pizzeria La Romana leisten kann.

ART WEISSENSEE, bis 21. September 2014. Liste teilnehmender Künstler und Geschäfte an „UHU – Unter Hundert“.

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