10 tolle schlechte Vorsätze für 2014

Cai Guo-Qiang, One Night Stand, Paris 2013

Cai Guo-Qiang, „One Night Stand“, explosion event for Nuit Blanche, Paris 2013. ©www.caiguoqiang.com

Gute Vorsätze hält man eh nicht ein, deshalb hier zehn schlechte. Die allerdings in Wirklichkeit total gute Vorsätze sind, weil sie den Umgang mit Kunst viel kurzweiliger, da oberflächlicher und somit intensiver gestalten. Das einzig Problematische an dieser Liste ist, dass sie einem aktuellen Trend folgt, nämlich dem Trend der Anti-Gute Vorsätze-Listen, und deshalb wenig originell ist, und außerdem auch nicht besonders schlau aufgeschrieben. Damit läuft sie Gefahr, schon am ersten Tag des neuen Jahres gegen den einzig ehrlich gemeinten und ehrlich guten Vorsatz von BLITZKUNST zu verstoßen, nämlich den Vorsatz, gute Unterhaltung zu liefern. Andererseits plädiert BLITZKUNST für mehr Selbstüberschätzung und einen weniger kritischen Blick, insofern, was soll’s, hier also die Liste:

 

1 Unkritisch sein

Das Auge in der Kategorie interesseloses Wohlgefallen schulen. Unschärfe in den Blick bringen, das Gesehene nicht bis ins Hirn vordringen lassen – beziehungsweise sich nicht fragen, warum man das Gesehene nicht gut findet, sondern es einfach nur gut finden. Falls es doch mal notwendig werden sollte, das Gutfinden zu begründen: siehe Punkt 8 und/oder 9.

 

2 Auf Mainstream beschränken

Eigenleistung ist anstrengend. Die Lust auf Neuentdeckungen und ein eigenes Urteil lieber ablegen, stattdessen das angucken, was alle angucken und nacherzählen (für Kunstjournalisten gilt auch: abschreiben), was man irgendwo gelesen oder von irgendwem gehört hat, der es wiederum auch irgendwo gelesen oder von irgendwem gehört hat.

 

3 Deutsche Kunstberichterstattung loben

Dem deutschen Feuilleton nicht mehr anlasten, dass es die zeitgenössische Kunst betreffend bereits seit jeher auf Basis von Punkt 2 operiert, sondern es im Gegenteil für seine Effizienz loben. Vom Kunstschaffen jeder Epoche bleiben eh immer nur die Speerspitzen übrig, ist doch schön, dass einem in weiser Voraussicht, welche das für unsere Zeit sein werden, auch nur diese serviert werden. Und Kritik ist eh überbewertet, siehe Punkt 1, 2, 4, 8 und 9.

 

4 Unehrlich sein

Sich nicht mehr unwohl damit fühlen, die Ausstellung des befreundeten Künstlers anschauen zu gehen und das ehrliche Urteil damit zu legitimieren, dass er es ja selbst eingefordert hat. Sondern einfach kein ehrliches Urteil mehr abgeben. Es kostet nicht viel, zu sagen, „schöne Arbeit“. Schöne Arbeit, das sind gerade mal vier Silben: schö-ne-Ar-beit. Schö-ne-Ar-beit. Geht doch.

 

5 Sich selbst überschätzen

Dass oft diejenigen am weitesten kommen, die am wenigsten können, gilt nicht nur für die Kunstwelt. Aber die Gefahr, aufzufliegen, ist hier geringer als anderswo, beziehungsweise eine Selbstüberschätzung hat weniger Konsequenzen, schließlich muss man als Kurator oder Kritiker ja keine Herzen transplantieren. Wer sich nur richtig toll findet, kann in der Kunstwelt alles werden, Amerikas bekanntester Kunstkritiker, Direktor der wichtigsten Kunstmesse, einfach alles.

 

6 Auf die Nerven gehen

Man sollte sich nie scheuen, der Bedeutung der eigenen Person Nachdruck zu verleihen (siehe Punkt 5). Solange den Bekannten der Bekannten nerven, bis man auf der Gästeliste zu Galeriendinner, VIP-Preview oder Sammlerparty steht. Oder einfach so hingehen und Anflüge von Scham mit dem Gedanken daran auslöschen, dass man immer noch ein viel spannenderer Gast ist als die meisten der geladenen und am besten noch eine Szene machen, damit der Gastgeber in Zukunft wenigstens einen Grund hat, einen nicht einzuladen.

 

7 Einschleimen

Wer für Punkt 6 nicht genug Mut besitzt, ist mit der Strategie des Einschleimens vielleicht besser beraten. Neun von zehn Kunstweltbewohnern haben keine Ahnung, was sie tun. Die langweilige Sammlung von X, den unlesbaren Artikel von Y und die verhauene Ausstellung von Z toll finden ist deshalb nicht etwa unehrlich (siehe auch Punkt 4), sondern verhilft beschränkten Seelen zu einer Daseinsberechtigung – und einem selbst damit ebenso.

 

8 Kunstsprech pflegen

Leider bedarf das Erlernen von Kunstsprech einer gewissen Investition. Man muss sich durch ein paar Ausgaben von Texte zur Kunst, Beiträge in Kunstforum und die Pressemitteilungen von Galerien (eine Saison lang reicht) quälen sowie sich ein Referenzsystem von Theorien aneignen, wobei letzterer Punkt leicht abgehakt werden kann: Mit ein paar Brocken Deleuze und Bourriaud ist man eigentlich schon ausreichend ausgestattet. Hat man sich die Grundzüge von Kunstsprech erst einmal antrainiert, spricht es sich wie von allein, und man muss sich nie wieder Gedanken um eigene Worte machen. Achtung: Kunstsprech funktioniert nur richtig, wenn man es sich von deutschsprachigen Kritikern abguckt, die Lektüre von Übersetzungen englischer Autoren führt im Zweifel zu einem genuinen Kunstverständnis.

 

9 Listen ernstnehmen (ja, auch diese)

Die Art Power 100-Liste von Art Review auswendig lernen (braucht man nur einmal und nie wieder, da jedes Jahr quasi gleich) und als absolute Wahrheit anerkennen. Nur noch Dinge wahrnehmen, die in Listen auftauchen und sich niemals fragen, nach welchen Kriterien jemand entscheidet (siehe auch Punkt 1 und 2), welches die besten Ausstellungen des Jahres, die vielversprechendsten Jungkünstler und die erfolgreichsten Kritiker in sozialen Netzwerken sind.

 

10 Weniger Feiern

Weniger Feiern? Müsste in einer Liste schlechter Vorsätze nicht vielmehr mehr Feiern gefordert werden? Nicht, wenn es um Feiern in der Kunstwelt geht. Dort ist Feiern nämlich etwas richtig Gutes. Ernsthaft. Beim Feiern fallen ehrliche Worte (Kinder und Betrunkene… wissen wir ja), beim Feiern kommt es zu inspirierenden Begegnungen, und beim Feiern fällt auf, dass es sich dabei um eine Kunst handelt, die in der Kunstwelt sehr viel besser beherrscht wird als anderswo. Wenn man sich die Sache mit der Kunst also einfacher machen will, dann darf man auf keinen Fall in der Kunstwelt feiern. Denn sonst gewinnt oder behält man die Kunst so lieb, dass man Gefahr läuft, sich doch weiterhin zu ernsthaft dafür zu interessieren, um die hier vorgeschlagenen tollen schlechten Vorsätze zu befolgen.

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