Das Scheitern der Louise Blouin

Artinfo screen

Screenshot der deutschen Seite von Blouin Artinfo, de.blouinartinfo.com

Fast jeder, der schon einmal von Louise Blouin gehört hat, glaubt, sie habe nicht alle Glocken im Turm. Offiziell würde sich natürlich niemand negativ über die Verlegerin äußern, dazu ist sie (momentan noch) zu mächtig. Umso schöner, dass der Presse vor kurzem eine von ihr persönlich verfasste Email zugespielt wurde – aus anonymer Quelle zwar, aber doch ein sehr viel handfesterer Beweis ihrer geistigen Versehrtheit als das übliche Partygeläster. Man kann dem Gallerist (Kulturportal des New York Observer) nicht genug dafür danken, diese Email veröffentlicht zu haben.

Abgesehen davon, dass Blouin der Email zufolge kaum der englischen Sprache mächtig ist (mit Legasthenie, an der zu leiden sie offiziell zugegeben hat, ist das Gefasel nicht zu entschuldigen), scheint sie auch keine Ahnung von ihrem eigenen Business zu haben. Was grundsätzlich erst einmal keinen Anlass zur Sorge bieten müsste, kaufen sich doch viele trotz Dummheit zu Geld gekommene Menschen ein Unternehmen als Spielzeug oder zur Vorspiegelung einer Daseinsberechtigung. Blouin Artinfo aber ist trotz des Verlegernamens im Titel kein Vanity Publishing-Projekt, sondern wurde aus dem eigentlich sehr schätzenswerten Bestreben geboren, das ultimative Online-Informationsportal für die Kunstwelt zu werden. Nur dieses offensiv formulierten Zieles wegen konnte das Medium derart fähige Mitarbeiter gewinnen, wie sie zur Zeit (noch) die über 20 Länderableger von Artinfo betreuen, Mitarbeiter wie zum Beispiel Alex Forbes in Berlin, der als Bureau Chief der deutschsprachigen Länder die deutsche Seite so aussehen lässt, dass man ihr das knappe Budget und die instabile Infrastruktur nicht ansieht.

Die wirre Vision von Louise Blouin

Genau solche Mitarbeiter, fähig und motiviert im Glauben, etwas Nachhaltiges aufzubauen, sind bei Artinfo anscheinend aber ab sofort nicht mehr gefragt. Denn gerade wurde den meisten festen Freien gekündigt. Wer ab jetzt die Arbeit erledigen soll, ist genauso unklar wie Umfang oder Gegenstand dieser Arbeit selbst. Die Email von Blouin besagt, man wolle einerseits mehr, andererseits weniger Inhalte. Man wolle zum Beispiel weniger Videos, dafür aber sehr viel bessere Videos als bisher, und auf jeden Fall wolle man am meisten Video, mehr als andere Inhalte, von denen man aber auch mehr wolle, vor allem zum Thema Schmuck, aber keine Videos, sondern lieber Atelierbesuche, aber nicht von Schmuckdesignern, sondern von wichtigen Künstlern, oder auch mal Designern, aber auf jeden Fall wichtige Inhalte.

Benjamin Genocchio, bislang Editorial Director von Blouin Media, wird ab Frühjahr kommenden Jahres als Chefredakteur eine neue Version von Artnet Magazine betreuen, die sich zum Ziel gesetzt hat, die „Bloomberg News der Kunstwelt“ zu werden. Hätte Artinfo das nicht auch schaffen können? Mit einer weniger verwirrten Verlegerin? Und kann das neue Artnet-Projekt sein Ziel erreichen?

Kunstmedien, ein erfolgloses Geschäftsmodell

Ein Blick auf die Vergangenheit von Artnet lässt Trauriges vermuten, denn da offenbart sich eine erstaunliche Parallele zu Artinfo: Auch das Magazin von Artnet hatte verschiedene Länderableger, und auch diese wurden kurzfristig geschlossen, die Mitarbeiter entlassen. Kann es sein, dass es im Kunstverlagswesen grundsätzlich nicht stabil zugehen kann? Wenn sogar ein so geschätztes Medium wie das Artnet Magazin keinen Bestand hatte, wenn so potente Verlage wie Blouin Media keine klare Vision formulieren können, wenn ein Magazin wie Monopol seit Jahren nicht zu expandieren scheint?

Sicher, Lifestylemagazine wie Elle oder Vogue geben regelmäßig Kunstsonderhefte heraus, die vor Luxusmarken-Anzeigen überquellen, und Harper’s Bazaar hat mit Harper’s Bazaar Art eine expandierende Marke geschaffen, die neben Russland, China und dem Nahen Osten (Arabia) demnächst auch in den USA und England eingeführt werden soll. Das sind aber keine genuinen Kunstmedien, sondern massenkonsumorientierte Publikationen, die Kunst im Rahmen eines erweiterten Lifestylebegriffs präsentieren. Das Thema Kunstjournalismus wird in der Medienlandschaft immer ein Nischenthema bleiben, egal ob in Print oder Online, mit einem expliziten Kunsttitel ist kein Geld zu machen. Auch das Artnet Magazin war ja keine genuine Magazingründung, sondern verschönerndes Beiwerk einer Dienstleistung, einer Kunstdatenbank.

Mittelbar lässt sich für einen Verleger aus einem Kunstmedium natürlich jede Menge Nutzen ziehen. Die Autorität, das Wissen, das Netzwerk, das man sich im publizistischen Umgang mit Kunst erwerben kann, lassen sich auf vielfältige Weise mittelbar monetarisieren. Aber um das zu erreichen, muss man intellektuell ein anderes Kaliber sein als Louise Blouin. Wer ist nochmal Herausgeber von Artnet?

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