Kunstfigur Edward Snowden

Jörg Janzer_Snowdenstrasse

Jörg Janzer, „Aktion Snowdenstreet“, 2013. ©Janzerblog

Neulich fragte mich ein Freund, ob der Überwachungsskandal in der Kunst thematisiert werde. Mir fielen keine Beispiele ein. Überwachung als künstlerisches Sujet ist natürlich ein Klassiker, so wie Überwachung selbst ein Klassiker ist, aber von der Edward Snowden-NSA-Geschichte scheint sich niemand künstlerisch inspiriert zu fühlen – jedenfalls nicht in den heiligen Sphären der Hochkunst. Abseits davon nämlich, an den ausgefransten Rändern des Kunstbegriffes, bot Edward Snowden Anlass zu unzähligen künstlerischen Huldigungsbekundungen.

SLM, Truth is coming and cannot be stopped, 2013

SLM, „Truth is coming and cannot be stopped“, 2013.

Es ist wahrscheinlich nur logisch, dass Snowden gerade von Street Artists verehrt wird – diesen selbsternannten Outsidern im Kampf gegen ein ihre Ausdrucksfreiheit beschneidendes System. Das Street Art-Blog Vandalog beklagte im Juli noch, wie wenig die Szene zum Snowden-Thema produziere, konnte dann aber immerhin doch ein paar hübsche Funde versammeln.

„Truth is coming and cannot be stopped“ nennt Sarah Lynn Mayhew alias SLM ihr Snowden-Portrait an einer Wand in Manchester – dessen Anbringung allerdings legal war. Das Werk ist eine optische Katastrophe, aber weil das Sujet ein über alle Kritik erhabenes ist, gilt dasselbe für die Ausführung.

Immerhin interessierte sich die Polizei für die Aktion in Berlin von Jörg Janzer (den wahrscheinlich kein BLITZKUNST-Leser kennt, der aber immerhin vom US-Ableger von Al Jazeera als „Street Artist“ bezeichnet wurde): Janzer forderte, eine Straße solle nach Snowden benannt werden und überklebte eines Nachts die Straßenschilder Berliner Straßen mit „Snowden Strasse“-Schildern. Polizisten kümmerten sich am Tag darauf um deren Entfernung.

Die meisten Snowden-Referenzen scheinen Portraits in Öl zu sein, Kopien des lange Zeit einzigen medial verbreiteten Fotos des Whistleblowers, von ausnahmslos völlig unbekannten Malern, von denen die meisten zurecht niemals kunsthistorische Weihen erlangen werden. Auf Saatchi Online findet man ein paar davon, wobei „Snowden Angel“ von Jean Philippe Côté dem Ganzen den Heiligenschein aufsetzt. Der Heilige Snowden ist sicher nicht als Witz gemeint, im Gegensatz zum haha-lustigen Werk von José García y Más, welches das Ehepaar Obama beim Sprechblasen über das Thema zeigt.

Robert Shetterly, snowdenIn einen komplexeren Kontext bettet Robert Shetterly sein Snowden-Portrait. Auch Shetterly gehört zu jenen Malern, die es nie in eine der ersten Ligen der Kunstwelt geschafft haben, aber mit seinem Projekt „Americans Who Tell the Truth“ hat er sich doch einen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung gesichert. Auslöser für die Portraitserie war der 11. September, beziehungsweise der daraus folgende War on Terror, für Shetterly nur ein weiterer Beweis für die Unfähigkeit der US-Regierung, sich den Problemen im eigenen Land zu stellen. Seitdem malt Shetterly Amerikaner, die seiner Meinung nach für ein gerechtes, ein rechtes Amerika eintreten, „as an act of defiance against the lies of an administration leading the American people into unnecessary and illegal wars.“ Bei Nummer 50 wollte er aufhören, mit Snowden ist er bei Nummer 194 angelangt und er malt weiter. So pathetisch sein Statement für ein aufrechtes Amerika auch wirken mag: Shetterly hat wirklich darüber nachgedacht, warum er Edward Snowden zu Kunst machte. Für den Maler ist Snowden alles andere als eine Kunstfigur.

3 Kommentare

      1. So wie ich es in der Eile verstand, als ich erstmals davon hörte, sind die Waldprotokolle als Reaktion auf den NSA-Skandal entstanden. Möglicherweise wurden sie aber auch erst dadurch bekannt. Wer mag es da Mehnert schon verdenken, wenn er diese ungeahnte Aufmerksamkeit mit der NSA verbindet.

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