Verpiss’ dich, du Kunst

Wirtschaftsministerium Stuttgart

©www.mfw.baden-wuerttemberg.de

Die wenigsten Kunstbetrachter würden wohl behaupten, dass Kunst den Blick versperrt. Entweder sie gibt auf den ersten Anblick alles preis, oder sie gibt zusätzlich noch den Blick frei auf das, was dahinter steckt. Das ist natürlich nicht räumlich gemeint. Im Falle der Installation von Schirin Kretschmann für das Stuttgarter Wirtschaftsministerium allerdings schon. Dort will man am liebsten Kunst, die unsichtbar ist. Kunst, die man sehen kann, versperrt den Blick aufs Wesentliche.

Vor dem Gebäude stehen neun Glasvitrinen, die früher regelmäßig für die Präsentation von Kunst genutzt wurden. Dummerweise haben Künstler die Vitrinen in der Vergangenheit anscheinend aber so vollgestopft mit ihrer Kunst, dass diese einen Sichtschutz bildeten, hinter welchem sich männliche Passanten regelmäßig ihrer vollen Blasen entledigten.

Hinter leeren Vitrinen würde sich bestimmt niemand zu pinkeln trauen, glaubten die Mitarbeiter des Ministeriums. Man dürfe einfach keine den Blick versperrende Kunst mehr in den Vitrinen aufbewahren, dann sei das Problem gelöst. Also gab es erstmal keine Kunst mehr in den Vitrinen.

Die Vitrinen sind aber sehr schön, sie laden dazu ein, bespielt zu werden. Und das soll auch wieder passieren. Allerdings mit einer Auflage: die Transparenz der Kästen müsse gewahrt werden, wie die BILD Zeitung einen Ministeriumssprecher zitiert.

Die Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg, Schirin Kretschmann, hat sich mit ihrer Installation für die Glaskästen daran gehalten. Vielleicht aber gar nicht so sehr aus Gehorsam, sondern eher aus der Inspiration heraus, die fragile Struktur der Vitrinen mit ihrer eigenen Arbeit in Beziehung zu setzen. So oder so, im Sinne des Anti-Pinkel-Schutzes darf die Installation von Kretschmann als voller Erfolg gewertet werden: „Die Kunst fällt kaum auf“, erkennt eine Redakteurin der BILD Zeitung, ein Umstand, über den sich Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) sehr erfreut zeigt.

Kunst, die nicht auffällt, ist gut. Kunst, die nicht auffällt, versperrt nicht den Blick. Allerdings hat man in Stuttgart wohl übersehen, dass der Umkehrschluss – Kunst, die nicht den Blick versperrt, fällt nicht auf – keinesfalls gilt. Im Gegenteil, die Installation von Schirin Kretschmann ist ja gerade wegen ihrer Unauffälligkeit so sehr aufgefallen, dass die BILD Zeitung sich bemüßigt fühlte, nach dem Grund für ihre Unauffälligkeit zu forschen. Hätte man die Sache mit der Transparenz als Pinkel-Schutz einfach unerwähnt gelassen, wäre die Unauffälligkeit der Installation gar nicht aufgefallen. Sie wäre kein Pinkel-Schutz, sondern was sie wirklich ist: Kunst, die den Blick freigibt auf das, was dahinter steckt.

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