Höllisches Haus am Lützowplatz

Jen Ray edition HAL

Jen Ray, „Ohne Titel (Easy Livin‘)“, 2012. Ed. (30) für das Haus am Lützowplatz.

Neulich war ich im Haus am Lützowplatz, um eine Performance von Jen Ray zu sehen. Vor rund zehn Jahren war ich zum letzten Mal dort gewesen, dafür ein paar Wochen lang gleich jeden Tag – weil ich die Pressearbeit zum 40-jährigen Bestehen des Hauses machte. Und zwar gar nicht so schlecht. Jedenfalls wurde ich am Eröffnungstag ein paar Minuten vor der Pressekonferenz rausgeworfen.

Anlass dafür war der Katalog zur Jubiläumsausstellung. Darin war eine Arbeit von Elvira Bach abgebildet, leider verdruckt. Was niemandem beim Blättern durch den Katalog aufgefallen wäre, zumal man an Arbeiten von Elvira Bach eh nicht unbedingt hängenbleibt. Kein Wunder also, dass Frau Bach ihre Chance für einen großen Auftritt ergriff, angespornt von der damaligen Leiterin des Hauses, Frau Pott.

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Haus am Lützowplatz. Die Treppe ist Kunst. Von Volkmar Haase. ©bpigs.com

Als sich die beiden Damen nach einem Drink oder zwei soweit beruhigt hatten, dass sie wieder in zusammenhängenden Sätzen keifen konnten, wurde ich zur Behebung des Problems herangezogen: Ich sollte jedem Katalogexemplar (vielleicht 2000 Stück) an der entsprechenden Stelle einen Hinweistext beilegen. Darin sollte ich auf den Fehldruck aufmerksam machen, diesen der Unfähigkeit der Grafikerin und des Druckers zuschreiben und außerdem kommunizieren, wie betroffen berechtigterweise die Künstlerin über diese Respektlosigkeit ihrer Arbeit gegenüber sei.

Ich weigerte mich. Daraufhin schrie Frau Pott: „Ich will dich nicht mehr sehen, geh’ in den Keller!“ Kein Witz. Mein Büro lag im Souterrain, insofern konnte ich der Aufforderung Folge leisten. Während oben die von mir vorbereitete Pressekonferenz stattfand, blätterte ich unten den Katalog durch. Darin findet sich auch ein Text von mir, für den ich mich heute noch schäme, allerdings nicht genug, um den Hinweis darauf zu verschweigen. Außerdem habe ich den Text nicht wirklich selbst geschrieben, sondern ihn mir vom damaligen Vorstandsvorsitzenden des Hauses vorschreiben lassen.

Der Hölle entkommen: ab jetzt regiert Jen Ray

Mit dem Haus am Lützowplatz verbinden mich also schöne Erinnerungen. Und das unbestimmte Gefühl von Spießigkeit, Kleingeistigkeit, Verstaubtheit, wie es Ausstellungsorte mit einem gesellschaftspädagogischen Verständnis von Kunstvermittlung (Künstler erklären uns die Welt) grundsätzlich hervorrufen.

Als ich vor kurzem wieder das Haus betrat, merkte ich: Die Aura ist immer noch da. Vielleicht liegt es an den Fußleisten, vielleicht an den Leuchtstrahlern. Beim Betreten der Räume musste ich gleich an Raufasertapete denken, was aber nicht an der Tapete lag, denn da war gar keine. Das Publikum ist hier nach wie vor ein anderes als bei den sonstigen Galerieeröffnungen. Etwas weniger oberflächlich – im schlechtesten Sinne, also weniger gut aussehend und weniger nah am modischen Puls der Zeit –, dafür aber auch freier, etwa von Humor und Sinnlichkeit.

Jen Ray Performance

Die Performance zur Eröffnung hatte nicht genug Raum zur Entfaltung – die alten Geister hat sie trotzdem vertreiben können. ©www.jenrayart.com

Kein Ort, an dem man Jen Ray vermuten würde. Kein Ort, der einen auf die dunkle Seite der Macht lockt, der Sex und Eleganz vermählt und Gewalt in filigrane Schönheit gewandet, so wie es Rays Arbeiten tun. Und doch hätte sich das Haus am Lützowplatz keine bessere Künstlerin aussuchen können, um nach Jahrzehnten der Irrelevanz seinen Wiedereintritt ins Leben zu feiern. Absurd ist nur, dass ausgerechnet jener Ausstellungsort der Künstlerin ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Berlin ermöglicht, von dem man es am wenigsten erwartet hätte. Aber wie sagt der Ausstellungstitel es so schön: „Better to Reign in Hell Than Serve in Heaven“. Jen Rays Arbeiten sind stark genug, um über jeden Ort zu regieren, egal wie höllisch die Bedingungen. Und wenn große Institutionen zu blind sind, mit Ray eine der wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation zu zeigen (wichtig deshalb, weil sie feministische Themen bearbeitet, ohne zu fordern, klagen, nerven, entweiblichen, historisieren oder sonst etwas zu tun, was so viele Künstlerinnen falsch machen, die den Feminismus missbrauchen, um von ihrer Talentlosigkeit abzulenken), dann ergreift sie eben woanders ihre Chance – und verhilft damit auch noch einem angestaubten Berliner Kunstverein zu neuem Leben.

Jen Ray, „Better to Reign in Hell than Serve in Heaven“, Haus am Lützowplatz, Berlin, bis 10. November 2013. Zur Ausstellung erscheint oben abgebildete Edition.

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