Pflicht und Manikür

Natalie Minerva_photo© Madeline Poole

Nail Art von Natalie Minerva. Photo© Madeline Poole/www.vanityprojectsnyc.com

Nicht jede Kunstform weiß schon zum Zeitpunkt ihres Entstehens, dass sie eines Tages als Hochkunst anerkannt sein wird. Katzenportraitmalerei oder Lowbrow Art zum Beispiel interessierten jahrelang niemanden. Heute gehören Martin Eder oder Mark Ryden zu den ganz Großen.

Zukunftsorientierte Kunstbetrachter sind deshalb grundsätzlich erst einmal aufgeschlossen, was außerhalb des allgemeinen Genrekanons verortete künstlerische Ausdrucksformen betrifft. Leider gibt es nicht sehr viele davon. Also von den zukunftsorientierten Kunstbetrachtern. Das macht es so mancher Kunstform schwer. Bei der Nail Art zum Beispiel handelt es sich um ein Genre, das in weiten Teilen des Kunstbetriebs nach wie vor nicht anerkannt ist, und das trotz prominenter Vertreter.

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Angela Bulloch, „Working Manicure“, 1997.

So stellte bereits 1997 die englische Künstlerin Angela Bulloch ihre Working Manicure vor – schwarz lackierte Fingernagelränder auf ansonsten klar lackierten Nägeln. Leider wurde das Werk, welches die Künstlerin zu ihrer eigenen Ausstellungseröffnung an ihren eigenen Händen präsentierte, als ironischer Verweis auf die Kunstproduktion (= Drecksarbeit) gelesen und nicht als das, worum es sich eigentlich handelte: um ein frühes und dennoch ausgereiftes Beispiel der Nail Art.

Dass sich die Modeszene vorletzte Saison in die Nail Art schockverliebte, um sich in der aktuellen Saison genauso schnell wieder zu entlieben, macht es dieser Kunstform nicht gerade leichter, sich vom Hautgout der dekorativen Kosmetik zu befreien. Zudem erschwert das Trägermedium von Nail Art – üblicherweise menschlicher Natur in lebendem Zustand – die Verkäuflichkeit der Werke, und die ephemere Natur – an einer lebenden Hand mit normalem Bewegungsradius hält eine Kunstmaniküre kaum länger als zwei Wochen – sorgt dafür, dass Ausstellungen mit längerer Laufzeit praktisch undurchführbar sind. Zumal ja auch das Trägermedium kaum verpflichtet werden kann, sich wochenlang bewegungslos in einem Ausstellungsraum aufzuhalten. Wer ein Werk der Nail Art erwirbt, trägt es also zwangsläufig an sich selbst herum, das aber nicht besonders lang.

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Nail Art von El Salonsito. Photo© M. Poole

Und trotzdem, die Nail Art gibt nicht auf in ihrem Bestreben, Teil der Kunstwelt zu werden (und ab hier nimmt dieser Beitrag die Zunge aus der Backe): In New York gibt es ein Unternehmen namens Vanity Projects, wo künstlerische Nageldesigns im Kontext von Videokunst produziert und präsentiert werden. Die Initiatorin, Rita de Alencar Pinto, ist eigentlich Videokuratorin. Bei ihr arbeiten die besten Nail Artists der Branche. Ähnlich wie Street Artists lebten diese ihre künstlerischen Ambitionen bislang abseits des etablierten Kunstbetriebs aus, nur statt an Häuserfassaden eben auf Fingernägeln. Bei Pinto bekommen sie eine Plattform, die vielleicht nicht im Kunstbetrieb verankert ist, aber sehr wohl dort ihr Publikum findet: Seit 2010 existiert Vanity Projects als temporäres Format, das schon auf der Art Basel Miami und im MoMA PS1 in New York gastierte. In zwei Wochen erfolgt die Eröffnung als permanenter Raum in der Lower East Side, in direkter Galeriennachbarschaft.

Bislang üben sich viele Nail Artists nachfragebedingt noch im Kopieren mehr oder weniger alter Meister. Besonders beliebt bei Kunden sind Motive von Picasso, Magritte oder Warhol, zunehmend werden aber auch ältere Zeitgenossen angefragt. Die Punkte von Yayoi Kusama etwa stehen ganz oben im Kurs.

Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis sich zeitgenössische Künstler der Möglichkeiten gewahr werden, welche die Nail Art für die Vergrößerung ihres Bekanntheitsradius bedeutet, und anfangen, selber Vorlagen für Nageldesigns zu produzieren. Das macht sie dann vielleicht nicht zu Nail Artists im ursprünglichen Sinn, aber es macht Nail Art zu einem anerkannten künstlerischen Medium. Der Natur dieses Mediums gemäß dürfte das vor allem Maler ansprechen. Wie die bekannte Nagelkünstlerin Mei neulich einer Reporterin von The Daily Beast gegenüber äußerte: „Fingernägel sind auch nur eine Leinwand.“ Allerdings eine, die immer wieder nachwächst. Für einen Künstler wahrscheinlich Traum und Alptraum zugleich.

Vanity Projects, New York, www.vanityprojectsnyc.com

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