Deutschland fordert Abschaffung der Nationenpavillons

Die Eröffnungstage der Venedig Biennale 2013 sind vorbei, der Kater bleibt. Erstmals kehrt BLITZKUNST von der Biennale-Eröffnung unerfüllt zurück. Und das liegt nicht daran, dass es BLITZKUNST bei der letzten Venedig Biennale noch gar nicht gab.

Spanischer Pav

Typischer Anblick auf der Venedig Biennale 2013: Wohlsortierte Baustoffe. Hier von Lara Almarcegui im Spanischen Pavillon.

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Der Deutsche Pavillon in Venedig ist herausragend. Herausragend schwach. Was schon mit der Entscheidung begann, mit Frankreich den Pavillon zu tauschen. Hätten die jeweiligen Kuratorinnen Susanne Gaensheimer und Christine Macel beschlossen, ihre Pullover zu tauschen, es wäre ähnlich wirkungsvoll gewesen.

Ai Weiwei Deutscher Pavilion

Unentwirrbar verstrickt in die Sucht nach Political Correctness: Deutscher Beitrag mit Installation von Ai Weiwei.

Der mit Holzhammer verabreichte Hinweis auf die Notwendigkeit von kulturellem Austausch hatte lediglich einen Effekt: Man war angesichts des deutschen Beitrags im Französischen Pavillon peinlich berührt – es war, als sähe man als geladener Gast auf einer Party einem anderen Gast dabei zu, wie er sich daneben benimmt. Was noch dadurch verstärkt wurde, dass sich der französische Austausch-Schüler Anri Sala im Deutschen Pavillon gegenüber mit Bestleistung als Anwärter auf den Goldenen Löwen qualifizierte. Trotzdem, hoffentlich werden viele Länder dem Austauschprinzip folgen wollen und sich um die Bespielung des Deutschen Pavillon bewerben; die Deutschen könnten sich dann aussuchen, in welchem Tausch-Pavillon sie ihr Lehrstück in politischer Korrektheit aufführen wollen. Wahrscheinlich werden sie den Syrischen Pavillon wählen, um auf die totale Ungerechtigkeit hinzuweisen, dass es keinen Syrischen Pavillon gibt. Wenn sie wieder so einen Beitrag abliefern wie den jetzigen mit seinen explizit nicht-deutschen Künstlern und seinem Fokus auf dem „Wandel von Identitätsvorstellungen“, könnte das Ganze eh in jedem anderen oder gar keinem Pavillon stattfinden – was uns auf die Spur zur wahren Intention des deutschen Beitrags bringt: Frau Gaensheimer will das als überholt geltende Nationenpavillon-Prinzip abschaffen.

SS Hangover Ragnar KjartanssonSchon am ersten Tag der Voreröffnung zog eine kleine Galeere mit stilistischen Identitätsproblemen (in griechisch-venezianischer Bauweise mit Wikingereinschlag) langsam ihre Bahnen durch das Wasserbecken im Arsenale. An Bord befand sich ein halbes Dutzend Blechbläser, die eine sich stundenlang wiederholende, getragene Weise spielten. Der Name des Schiffes: S.S. Hangover. Die Performance von Ragnar Kjartansson, die übrigens über die gesamte Biennale-Laufzeit jeden Nachmittag zur Aufführung kommen wird, steht nicht nur für den Niedergang der einst größten Handelsmacht der Welt (im Arsenale, wo einst mehr Schiffe gebaut wurden als in jedem anderen Hafen der Welt, werden heute die verbeulten Fähren der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe gewartet), sondern ist auch ein Sinnbild für den Status der Venedig Biennale, die Grenzen überwinden will und sie durch die erneute Erweiterung um Länderteilnahmen (aus Nahost und Zentralasien) doch nur affirmiert, die neue Blickwinkel öffnen will, während die Dimensionen und die technisch perfekte Präsentation der gezeigten Beiträge doch nur dafür sorgen, dass der Blick am Gezeigten abgleitet wie Regen an einer Scheibe, anstatt es zu durchdringen. Was bleibt nach drei Tagen intensiven Biennale-Konsums ist das ungute Gefühl, sich nicht zu erinnern, wann und wo man was genau gesehen hat.

Was jede Biennale charakterisiert, dieses Jahr aber besonders auffällig ist: Die interessanteren Beiträge sind grundsätzlich außerhalb der Giardini-Pavillons zu finden, wo viele Installationen seltsam dekorativ und aseptisch wirken, sauber und ordentlich, wie die Schulhefte von Mädchen, die nie zu spät kommen, zu allen nett sind und zu den beliebtesten in der Klasse gehören, bis die coolen Kinder merken, wie spießig sie sind. Beispielhaft hierfür: der Spanische Pavillon, wo Lara Almarcegui Berge von Bauschutt arrangiert, wie er beim Bau des Ausstellungsraums hätte anfallen können. Auch hier vielleicht ein sublimierter Aufruf, das System der Länderpavillons zu zerstören, der aber von der ästhetischen Sterilität der seltsam sauberen Materialhaufen erstickt wird. Ein punktgenauer Kommentar dazu kam von einem etwa 7-jährigen englischen Mädchen, das beim Betreten des Pavillons überrascht seinem Vater zurief, „Look at this, Daddy, it’s assorted rubble!“

Sarah Sze, US Pavilion, Venice Biennale 2013_09

Aufhebung architektonischer Grenzen: Sarah Sze hat Spaß im US-Pavillon.

Auch der Beitrag von Sarah Sze für den Pavillon der USA strotzt vor Ordnungssinn, artet dabei allerdings wenigstens in ein (wenn auch präzise kontrolliertes) Chaos aus und hat immerhin keine Angst davor, durch konsequent exzessive Wucherungen die Grenzen von Innen und Außen aufzulösen und die Architektur zu vereinnahmen, ein Prinzip, das auch der schon im Vorfeld für seine usurpatorischen Bestrebungen gelobte Georgische Pavillon erfolgreich anwendet. Räumlichkeit erzeugen, und damit Atmosphäre, das tun in den Giardini nur ganz wenige Beiträge; für die Highlights dieser Biennale muss man sich in die Paläste und Gassen von Venedig begeben. Die drei besten sind laut BLITZKUNST der Slovenische Pavillon von Jasmina Cibic, die Installation von Pedro Cabrita Reis im Palazzo Falier und die von Thomas Zipp im Palazzo Rossini.

5 Kommentare

  1. hallo blitzkunst,

    dazu kann ich um ehrlich zu sein nichts recht vernünftiges beitragen. mag aber durchaus sein, dass du mit dem olypmia-prinzip recht hast.
    im großen und ganzen aber kein probem: biennale platt machen ist imho auch voll ok, da eh überholt. das hat man ja dieses jahr über das outsiderart-programm auch indirekt eingestanden, obwohl man das natürlich lieber nicht sagen möchte.
    von daher gilt für mich aber ganz klar, weg mit dem ganzen staubigen plunder und den zombie-burgen. auf nach vorn, alle zusammen und jeder wie er will!

    hgfk

  2. Gut dass ihr dort gewesen seid. Beobachtung, Analyse und die daraus geschlossenen Schlüsse erscheinen mir durchaus korrekt, wenn auch eventuell etwas hermetisch. Denn einfacher wäre es natürlich direkt die Nationen platt zu machen, dann würde sich die Pavillon-Sache zwangsläufig mit erledigen.
    Eventuell aber nicht verkehrt mit kleinen Schritten zu beginnen. Muss man mal sehen…

    Hgfk

    1. Nationen plattmachen ist gut! Nur hätte sich damit wahrscheinlich die gesamte Biennale erledigt, schließlich basiert die ja auf dem Olympiade-Prinzip, oder?

      1. der kommentar oben steht jetzt an der flaschen stelle und macht so natürlich gar keinen sinn.

        hgfk

      2. Kein Problem, im Gegenteil – über alternative Darstellungsmöglichkeiten von Kommentar-Threads macht sich gerade die gesamte Medienbranche Gedanken. Aus gutem Grund.

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