Georg Baselitz steuerlos

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Hat die mysteriöse Künstlerliste an der Brücke hinter dem Berliner Mauerpark etwas mit den Vorwürfen der Steuerhinterziehung gegen Baselitz zu tun?

Als Ai Weiwei vor zwei Jahren von den chinesischen Behörden Steuerhinterziehung vorgeworfen wurde, war jeder Mensch außerhalb Chinas überzeugt, es handele sich um eine Falschbeschuldigung. Dass der unbequeme Künstler tatsächlich Steuern hinterzogen haben könnte, das war nicht vorstellbar, denn Ai Weiwei stand nicht einfach nur auf der Seite des Guten, er war dessen Verkörperung.

Ai Weiwei war gut, Georg Baselitz ist schlecht. Abgesehen davon, dass die deutsche Steuerfahndung sicher weniger willkürlich agiert als die chinesische Regierung und die Hausdurchsuchung bei Baselitz allein schon deshalb einen Grund hat, weil sein Name in angekauften Steuerdaten im Zusammenhang mit der Schweizer Bank UBS auftauchte, wird den deutschen Maler leider kein positives Image davor retten, was ihm jetzt blüht.

Baselitz steht nicht unbedingt auf der Seite des Schlechten, aber man schreibt ihm Eigenschaften zu, die nur zu gut zu einem Steuersünder passen. Das Dickhosige, das Großkotzige, das Selbstüberzeugte, der offensichtliche Wohlstand – den Baselitz gern kommunizierte, auch wenn sein Haus von Herzog & de Meuron am Ammersee nicht fotografiert werden durfte –, all das wird für ein Höchstmaß an Schadenfreude sorgen. Dass Baselitz in Ost-Berlin wegen Aufbegehrens gegen das System von der Kunstakademie fliegt, dass er sogar zur Strafarbeit im Bergbau verurteilt wird, das wird ihm nicht als mildernde Umstände angerechnet werden, und warum auch, BLITZKUNST zahlt ja auch brav Steuern trotz schlimmer Kindheit.

Noch vor kurzem empörte er sich in einem mit ebenso empörten Reaktionen quittierten SPIEGEL-Interview über Kunstinstitutionen, Talentmangel bei weiblichen Künstlern – und das deutsche Steuersystem. Wobei das eigentlich Empörende nicht so sehr in seinen Äußerungen lag, sondern vielmehr darin, wie sehr er sich in der Rolle des empörten Provokateurs gefiel.

So oder so, egal welches Ausmaß die Steueraffäre Baselitz annehmen wird, der Maler hat jetzt ein bisschen verschissen, Hochmut kommt vor dem Fall, werden jetzt ganz viele sagen, und die Presse wird viel Gelegenheit bekommen, hochoriginelle Zeilen rund ums Kopfstehen zu dichten (das Handelsblatt hat schon angefangen).

Das Gute an der Sache ist, dass wir fürs Erste von Interviews verschont bleiben werden, die zwar längst nicht so viel Empörung hergeben, wie sie generieren, die aber jeden Baselitz-Bewunderer nur mit Trauer erfüllen – weil da ein großer Name zeigt, nicht mehr ganz Herr seiner Zeit zu sein.

Das Schlechte an der Sache ist, dass sie ein so dummes wie hartnäckiges Klischee befeuern wird, nämlich das Klischee, Künstler könnten nicht mit Geld umgehen. Nun könnte man angesichts lächerlich geringer Kulturetats zwar argumentieren, der Staat hat eh so wenig übrig für die Kunst, dass es nur konsequent ist, wenn die Kunst den Staat bescheißt. Aber das wäre natürlich zynisch. Trotzdem hat es eine gewisse Logik, wenn ein Künstler Steuern hinterzieht: Steuerbetrug ist eine Kunst.

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