Berlin kann es noch

Wer schon lange in Berlin lebt, den kann fast nichts mehr überraschen. Auch nicht im positiven Sinne. Das Gala Dinner zum Gallery Weekend allerdings bot eine solche Überraschung. Der Raum, die Menschen, die Energie – auf einmal war dieses Gefühl von Einzigartigkeit wieder da, dieses Gefühl von Jetzt, wie es doch nur Berlin erzeugen kann.

GW 13_01In letzter Zeit hat sich eine gewisse Berlin-Müdigkeit eingeschlichen. All die Leute, die sich grundlos großartig finden, die Langsamkeit und Substanzlosigkeit, das ewige Sich durchschlagen und dabei immer irgendwie hingewieseltes Durchkommen, ohne einmal wirklich ernsthaft gefordert zu werden – und auf der anderen Seite die Übersättigung, die Selbstverständlichkeit, mit der man all das Großartige konsumiert, was die Stadt zu bieten hat, während man sich nur noch dunkel daran erinnert, wie es einmal war, wie aufregend es sich anfühlte, als man es zum ersten mal gesehen und gelebt hat, diese improvisierte Vereinnahmung von Raum und Zeit im Überfluss. Immer mehr Leute wollen weg aus der Stadt, wollen das Um-sich-selbst-Kreisen endlich eintauschen gegen eine Richtung – und wenn man dafür nach Los Angeles ziehen muss.

Diese Berlin-Müdigkeit macht, dass man nicht mehr viel erwartet von der Stadt, dass man gleichgültiger wird und folglich immer weniger empfänglich für die Reize Berlins, so wie sich Sex in einer Beziehung verändert, obwohl beide Partner eigentlich wissen, was man machen muss, damit der Sex spannend bleibt. Also der Sex mit dem eigenen Partner. Das Gala Dinner aus Anlass des diesjährigen Gallery Weekend Berlin letzte Nacht hat das Feuer wieder entfacht. Auf einmal war Berlin wieder ganz präsent, ganz neu und frisch, und das, obwohl sich das Event auf jene Komponenten stützte, die seit ewigen Zeiten das Bild Berlins prägen: eigenwilliger Ort, feierwilliges Publikum. Aber das allein reicht nicht, denn auch beim letztjährigen Hauptevent zum Gallery Weekend im Amtsgericht Berlin waren Ort und Publikum in der notwendigen Qualität vorhanden gewesen. Vielleicht lag es einfach daran, dass bei den Organisatoren die Lust auf Erfolg zurück war, jedenfalls fing schon mit den Begrüßungsworten von Michael Neff und Sponsoren-Repräsentant Thomas Girst (BMW) alles sehr gute Laune machend an (die beiden machten übrigens den Auftritt des dritten Redners wieder wett, GW-Geschäftsführer Cédric Aurelle, der seine eigene Vorstellung von gelungener Kommunikation zu haben scheint).

GW 13_03Der Anblick langer Reihen von riesigen leuchtenden Sphären über den Tischreihen im oberen Stock der Turbinenhalle im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte, die Unmöglichkeit, den gesamten Raum mit einem Blick zu erfassen, das machte auf einmal wieder deutlich, wie verschwenderisch Berlin mit seinem Platz umgeht, immer noch. Ein räumliches Eldorado, das seinen Ausmaßen gemäß überaus großzügig befüllt war. Nämlich mit 1400 Gästen, geladen zu einem gesetzten Essen (das allerdings wohl so überbucht war, dass selbst teilnehmende Galeristen und Künstler keinen Sitzplatz mehr bekamen) und so bewirtet, dass alles im Überfluss da zu sein schien, inklusive neuer Gesichter und guter Stimmung. Die sich kurz nach Eröffnung des abschließenden Käsebuffets zu gigantischer Stimmung auswuchs, aber nicht wegen des Käses, obwohl der natürlich toll war, sondern wegen Raster-Noton, die als Surprise Act einen Auftritt absolvierten, von dem ich nicht mehr weiß, wie lange er dauerte, weil sich alles so Raster-Noton-typisch aufzulösen begann und Raum und Zeit und Publikum zu einem einzigen Hier und Jetzt wurden: Berlin.

Der Abend wurde auch nach dem Raster-Noton-Set nicht schlechter, die Welle der guten Laune hielt an, genau wie die Erkenntnis, dass hier ein feierndes Wunder gelungen war. Meine interessanteste Begegnung übrigens war die mit dem mexikanischen Kulturattaché, der mir erklärte, wie man als Künstler in Mexiko seine Steuern zahlen kann: mit Kunst statt Geld. Die genaue Berechnung des Gegenwertes scheint zwar gewissen Subjektivitäten zu unterliegen, aber das Tolle an der Sache ist, dass auf diese Weise über die Jahre eine vielschichtige staatliche Sammlung für zeitgenössische Kunst zusammenkommt. Könnte man sich auch mal für Berlin überlegen.

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