Welt ohne Zeit

Welt ohne Zeit

Am Donnerstag, den achtundzwanzigsten März 2013 gegen 21 Uhr schrieb ich mir eine Postkarte. Seit Jahren hatte ich keine Postkarten mehr geschrieben und mir selbst überhaupt noch nie.

Während ich schrieb, sang jemand ein Lied über einen Erdbeermund, ein junger Mann, er stand auf einem Treppenpodest aus Spanplatten mit einem beleuchteten Schild in der obersten Stufe, darauf sein Name: „Dagobert“. Als Dagobert mit seinem Lied fertig war, stieg er von seinem Podest herab und verschwand in der Menge, die sich um die Bühne geschart hatte und um diverse im Raum verteilte Skulpturen und um einen Tisch, auf dem viele Postkarten lagen, darunter auch meine. Dass es meine Postkarte war, wusste ich erst, als ich sie umdrehte: „Echtfoto“ stand darauf, und das machte die Karte in der Tat gleich viel echter als alle anderen, auch wenn mich mit dem Motiv nichts verband.

Hineingewebt in jede Postkarte war eine Visitenkarte, auf der stand: „Welt ohne Zeit“. Dann noch drei Namen, nämlich „Dagobert. Antoine Desvigne. Markus Zimmermann“, eine Adresse, und zwar„Berlin Carré, ground floor“ sowie das Datum „Thursday the twenty-eight of March 2013 at 8 o’clock“. Das Datum auszuschreiben war natürlich ein ganz bewusster Griff, es verweist auf eine Zeit vor der heutigen, es entschleunigt – Zeit dauert länger in Buchstaben als in Zahlen – und wirkt zugleich sehr eindringlich. Und Eindringlichkeit war notwendig für die Kommunikation dieser Aktion, denn der Welt ohne Zeit waren nur zwei Stunden beschieden, von Zwanzig bis Zweiundzwanzig Uhr.

FotoUm 22 Uhr kehrte die Zeit zurück, denn um diese Zeit schließt das Berlin Carré, und zwar bald zum letzten mal. Das einstige Vorzeigeeinkaufszentrum der DDR passt nicht mehr in unsere Zeit – was nicht heißt, dass dies ein Ort ohne Zeit wäre, im Gegenteil, das Berlin Carré ist wie eine Zeitkapsel, an der man nur zu gut ablesen kann, welcher Zeit sie entstammt, und die mit jedem Versuch, sich den Anforderungen von Heute zu stellen, ihre Gestrigkeit umso tragischer zutage fördert. Noch ein letztes mal hat sich das Einkaufszentrum kürzlich aufgebäumt und versucht, sich mit einer Art Frühlingsdekoration zu schmücken, deren mangelnde Üppigkeit die Trostlosigkeit des Ortes allerdings nur noch erhöht.

Das Berlin Carré ist ein Ort, dessen Zeit niemand mehr gebrauchen kann. Umso verschwenderischer ist es, an genau diesem Ort alle Zeit der Welt zu inszenieren. Denn genau das hat „Welt ohne Zeit“ getan, innerhalb von zwei Stunden in einem leer stehenden Laden, wo die Skulpturen von Markus Zimmermann und das Video von Antoine Desvigne nur eines mit Sicherheit vermitteln, nämlich dass man sich niemals darüber im Klaren sein wird, ob es sich hier um die Visualisierung komplexer physikalischer Zusammenhänge von kosmischen Dimensionen handelt oder um eine Vorspiegelung von Kunst, die nicht länger halten muss als zwei Stunden. Wo Dagobert alle zehn Minuten zum Auftritt schreitet und nach zwei Minuten wieder abgeht, was man aber erst erkennt, wenn man mindestens zwei Auftritte lang verweilt hat, ohne beim ersten Auftritt zu wissen, dass es weder der erste noch der letzte gewesen sein wird. Wo man durch das erneute Versenden einer zu einer anderen Zeit bereits versandten Postkarte (zum Preis von 5 Euro) die Linearität der Zeit aus den Angeln heben und Vergangenheit in Zukunft verwandeln kann. Und wo man hofft, dass sie auf immer existieren, dass sie zeitlos werden möge, diese Berliner Spezialität der aus dem Moment geborenen und nur für den Moment gemachten Manifestationen künstlerischen Schaffens.

In den nächsten Tagen wird meine Postkarte ankommen. Das Motiv zeigt einen Ausflugskahn auf einem Spreewaldkanal, befüllt mit einem Dutzend schüchtern bis durchtrieben in die Kamera lächelnder Menschen, aufgenommen Anfang der 1920er Jahre. Die Menschen auf dem Foto sind sicher alle tot, ihre Kinder vielleicht auch schon. Trotzdem wird es so sein, als würden mir diese Menschen einen Gruß zusenden; die Postkarte hat einfach nur sehr lange gebraucht, um mich zu erreichen. Sie hat sich Zeit gelassen.

Fotos von „Welt ohne Zeit“ auf Facebook. Hier weitere Informationen zu Dagobert, Antoine Desvigne, Markus Zimmermann

Aussen_Zimmermann

Hätte konsequenterweise abgebaut werden müssen, die Welt ohne Zeit war am nächsten Tag aber immer noch da – nur die Magie war weg.

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