Auferstanden aus den Dünen – Dubai Art Week

Während die Galeristen in Berlin sich noch darüber kaputtgrübeln, wie die Kunstmesse von morgen aussehen kann, zeigt die Art Dubai, dass man Kunstmesse nicht anders denken muss, um erfolgreich zu sein – man muss sie nur mit den richtigen Playern bestücken. Möglicherweise werden die Kunstzentren von morgen nicht mehr New York oder Berlin heißen, sondern Teheran, Dschidda und Dubai.

01_Galerieeingang Carbon 12

Einem ungeschriebenen Gesetz folgend stehen vor jedem Eingang Absperrpoller mit roter Kordel. Hier zur Galerie Carbon 12 im Galerieviertel Alserkai Avenue.

Wenn man genau hinschaut, kann man sie noch finden, die Manifestationen gängiger Klischees, mit denen die Kunstwelt in den Arabischen Emiraten seit Anbeginn belegt wird. Ja, es gibt ihn noch, den Sammler, der einem mit aufrichtigem Stolz berichtet, er sammle erst seit drei Monaten, habe aber jetzt schon fast 100 Werke zusammen und beabsichtige, seine Sammlung im nächsten Monat zu verdoppeln, sobald das neue Haus fertig sei und wieder mehr Hängefläche zur Verfügung stünde. Es gibt sie noch, die Tochter aus einflussreicher Familie, die bei der Kontaktpflege als Repräsentantin für das internationale Auktionshaus sehr, sehr tief geht und damit ihr mangelndes Fachwissen kompensiert. Es gibt sie noch, die Tochter eines Mannes, der ihr Sitze in allen möglichen internationalen Museumskommissionen und -kuratorien kauft, damit sie nicht nur etwas zu tun hat, sondern auch gesellschaftlich etwas besser dasteht, weil der Familie wegen der Sache mit Gaddafi und der Herrschaftsnachfolgeregelung in Libyen in manchen Kreisen ein etwas zweifelhafter Ruf bescheinigt wird. Aber es gibt nicht mehr viele solcher Beispiele.

04_Monir

Zwischen Markenlogo und Mystik: die hypnotisch erhabenen Spiegelobjekte von Monir Farmanfarmaian in der Galerie The Third Line. Die beste Ausstellung der Dubai Art Week. http://www.thethirdline.com

Vor zwei Jahren ließ sich ein Besuch der Art Dubai für westliche Gäste noch ganz einfach zusammenfassen: Kunst mit Glitzer, Kunst mit arabischer Kalligraphie, Kunst über und mit Waffen und Öl (Schweröl, nicht Farbe auf Leinwand) und kaum Galerien und Sammler von außerhalb des arabischen Raums. Als Mitglied der Basel-documenta-Venedig-Fraktion begegnete man dem ganzen mit einer ironisch distanzierten Haltung, mit der sich das wenige, das einen hätte aufmerken lassen müssen, bequem ausblenden ließ. Die gerade zuende gegangene Art Week in Dubai mit der Kunstmesse als Herzstück allerdings zeichnet ein Bild, das nicht nur sehr viel komplexer ist, sondern auch vieles von dem beinhaltet, was den sogenannten Kunstmetropolen von New York bis Berlin fehlt. Und damit ist nicht nur Geld gemeint…

…wobei Geld natürlich hilft. Natürlich ist es eine der Stimmung förderliche Geste, wenn zum Eröffnungsabend für mehrere tausend Gäste feinste Kost und Champagner gereicht wird, ohne dass irgendwann gesagt würde, „ist aus“. Und es hat etwas Erhabenes, wenn man den gleichen Schmuck, den man gerade noch von Messe-Hauptsponsor Cartier in einer aufwändigen Kulisse (Nachbau Pariser Straßenzüge) und bewacht von einer Armee von Sicherheitskräften präsentiert bekommen hat, ein paar Minuten später an Armen und Hälsen weiblicher Messegäste sieht. Und dass am Montagabend zu den Eröffnungen im Galerieviertel Al Quoz die gleichen Menschentrauben wie vor den Berliner Galerien stehen, drumherum aber eine ganz andere Sorte Autos, und zwar jene Sorte, auf deren Motorhaube ich niemals mein Weinglas abzustellen wagen würde, obwohl gerade ein Rolls-Royce dafür sehr viel Platz bietet, das ist auch irgendwie hübsch anzusehen.

02_Presse

Konsequente Anzeigenvermarktung: zur Art Dubai hat die Titelseite der Gulf News nur eine Nachricht zu vermelden.

Dass die neuen Player der arabischen Kunstszene zum größten Teil aus Verhältnissen stammen, die ihnen erlauben, in England das Internat und in den USA eine Eliteuniversität besucht zu haben, um dann mit großzügigem Startkapital in den Emiraten, in Dschidda, Teheran oder New York eine Galerie zu eröffnen, ist natürlich auch der helfenden Hand des Geldes zu verdanken. Aber das Erstaunliche ist: Diese Elite scheint ihren Einfluss tatsächlich dafür zu nutzen, ihren Wurzeln Raum zum Wachsen zu bereiten und Visionen voranzutreiben, anstatt ihre Zeit mit Yachten kaufen zu vertrödeln.

Arndt

Ironisch, anbiedernd, ernst gemeint? Der Orientalismus-Bling von Wim Delvoye bei Arndt sorgte für große runde Reifen. Äh, Augen.

Was hier entsteht, ist nicht das next big thing, keine neue Kunstszene, die existiert nämlich schon längst, sondern eine neue Sichtbarkeit, weil diese Szene immer weitere Kreise zieht und sich nicht in Selbstreferentialität ergeht. Der typische Basel-Frieze-Armory-Kunstweltler kennt auf der Art Dubai vielleicht 10 Prozent des Ausstellerprogramms, aber 90 Prozent der Middle East-Kunstweltler kennen 100 Prozent des Basel-Frieze-Armory-Programms.

Das war wahrscheinlich schon vor zwei Jahren so, aber was dafür neu ist: Humor. Es gibt Arbeiten, über die man lachen kann. Und Menschen auch. Obwohl es dann auch vieles gibt, das einem das Lachen vergehen lässt, um die Euphorie mal ein wenig zu dämpfen. Auf dem Global Art Forum etwa, eine Art künstlerisches Austauschprogramm mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Performances, plaudern nicht nur Douglas Coupland und Michael Stipe über die Gemeinsamkeiten ihrer Biografien, sondern ereifern sich auch Emiratis und Expats über die unguten Auswüchse des Steuerbefreiung-gegen-politische Rechte-Handels, und zwar auf eine Art, dass man versteht, warum es im Nahen Osten so oft zur Eskalation kommt. Eskalationsfreudig fühlt man sich übrigens manchmal auch als Nordeuropäerin, zum Beispiel wenn man am Eingang zur Bar seinen Freund umarmt und dafür vom Türsteher gemaßregelt wird, dem alten Sack. Letztes Jahr ist ein englisches Pärchen für ein paar Tage in Dubai in den Knast gegangen, weil eine Muslimin traumatische Veränderungen bei ihrer fünfjährigen Tochter beobachtete, nachdem die Kleine hatte mitansehen müssen, wie der Mann der Frau über die Wange strich. Das ganze passierte übrigens um Mitternacht in einem Restaurant, typische Kinder-im-Restaurant-Zeit also.

08_Magic of Persia

Eine Feier ist nichts ohne eine Ansprache vom Herrscher von Dubai, zur Not per DVD-Übertragung wie hier beim Preis für Künstler aus dem Iran, Magic of Persia.

In der Kunst werden regelmäßig Fälle von Zensur bekannt, für deren offene Verhandlung keine Plattform existiert, weshalb sich weder Künstler noch Kuratoren oder Kritiker, von denen es übrigens kaum welche zu geben scheint, die Mühe machen, das Thema anzupacken. Man arrangiert sich halt um, so wie man beim Empfang den Alkohol in die Blumenvase kippt, sobald ein Mitglied der Scheichfamilie oder Vertreter offizieller Organe den Raum betritt.

Vor drei Jahren musste Maliha Al Tabari, Gründerin einer der ersten Galerien in Dubai 2003, ihren Messestand schließen, beziehungsweise es gab keinen Grund mehr, den Stand zu besetzen, weil er leer war, nachdem die Arbeiten den Unbedenklichkeitscheck nicht bestanden hatten. Weshalb, weiß sie bis heute nicht. Artspace ist nicht mehr Aussteller auf der Art Dubai, hat dafür aber Anfang des Jahres einen Ableger in London eröffnet. Als der Direktor der Sharjah Art Foundation, Jack Persekian, während der letzten Sharjah Biennale 2011 von einem Tag zum nächsten gehen musste, weil eine Arbeit in der Biennalenicht frei von sexuellen Konnotationen war, ging ein Aufschrei der Empörung durch die internationale Presse, an den sich einen Monat später niemand mehr erinnerte. Persekian ist jetzt Direktor des Palestinian Museum, was insofern eine Sensation darstellt, als es sich um das erste palästinensische Museum überhaupt handelt, weshalb es auch einfach nur The Palestinian Museum heißt, und ansonsten hat die Sache kein Nachspiel gehabt. Außer dass ich dieses Jahr nicht zur Sharjah Biennale gegangen bin. Aus Protest. Stimmt natürlich nicht. Ich habe es nicht geschafft. Aber ich werde wiederkommen. Wiederkommen müssen. Wenn ich nicht den Anschluss an die Zukunft der Kunst verlieren will.

11_Ahmed Mater,Golden Hour from the project  Artif,2011,H250 x W300 cm,Artist & Athr Gallery-1

Eine der stärksten Arbeiten auf der Art Dubai 2013: Ahmed Mater zeigt das Heiligtum in Mekka, wie es wirklich ist und – dank elaborierter Kameratechnik – doch so, wie es niemand schauen kann. Der Gegensatz von Überhöhung und Demontage verdeutlicht das Paradox der Kaaba: für die einen ist sie alles, für die anderen enthält sie nichts. Ahmed Mater, „Golden Hour“, 2011. Courtesy Athr Gallery, Jeddah. http://www.athrart.com

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