Palmenoase Aschersleben

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Die Palme hat es schwer im Zentraleuropa der Gegenwart. In den Anfängen der Literatur noch gefeiert (in der Bibel, im Koran), wird sie heute als sprichwörtlicher Ausdruck von Verärgerung missbraucht. Jesus wurde bei seinem Einzug in Jerusalem noch mit Palmenwedeln begrüßt, heute wedeln sich Männer einen von der Palme. Außerhalb ihrer angestammten Lebensräume gedeiht die Palme nur unter Zuhilfenahme von ökologisch fragwürdigen Maßnahmen, und manchmal nicht mal dann – von den drei geplanten Palmeninseln vor Dubai etwa ist nur eine gebaut worden.

Dass die Palme ein problematisches Gewächs ist, werden auch Künstler Ralf Ziervogel und Kurator Peter Lang gewusst haben. Die vier Palmen, die sie im Rahmen der Landesgartenschau 2010 in Aschersleben aufstellten, waren deshalb aus unempfindlichem Stahl. Und zunächst schien sich diese Vorsichtsmaßnahme auch zu bewähren; während der gesamten Laufzeit der Landesgartenschau standen die vier zu einem „W“ gekreuzten Stämme ungerührt und unberührt auf dem Bahnhofsvorplatz, wo sie die eine Hälfte der Bevölkerung begeisterten, die andere Hälfte zumindest nicht weiter störten.

Aber gegen Ignoranz ist kein Kraut gewachsen, auch keine Palme, selbst wenn sie aus Stahl ist.

Aufbau Palmen

Da war die Welt noch in Ordnung: Ralf Ziervogel beim Aufbau von „Black Pam Pan XX (loose fit)“ 2010 in Aschersleben. Photo© Peter Lang.

Eines Tages störten die Palmen doch. Nämlich einen Autofahrer, der an einem frühen Morgen im September 2011 die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor und zielsicher in das einzige Hindernis in Ascherslebens Stadtkern raste. Wobei bis heute nicht geklärt ist, ob es sich tatsächlich um einen Unfall handelte oder eine geplante Aktion – schließlich spielt ein Autounfall im Film „It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World“, der Ralf Ziervogel als Inspirationsquelle für seine Palmeninstallation diente, eine genauso tragende Rolle wie eine als „großes W“ bezeichnete Palmenformation, unter der ein großer Schatz vergraben sein soll.

Wie auch immer, der Vorfall hatte zur Folge, dass die Statik des touchierten Werks geprüft werden musste, was sich irgendwie wohl auch auf die Prüfung der politischen Statik der örtlichen Regierung auszuwachsen drohte, weshalb man dann die Installation vorsichtshalber abbaute und einlagerte. Selbstverständlich, ohne Künstler oder Kurator zu informieren, nachher hätte das noch zu Auseinandersetzungen mit der Frage geführt, wem die Kunst im öffentlichen Raum gehört und wer mitbestimmen darf, was mit ihr passiert, denn unbehelligt abbauen und verschwinden lassen darf man Kunstwerke im öffentlichen Raum eigentlich nur dann, wenn sie pinkeln oder jedenfalls Genitalien haben, wie man zum Beispiel in Dresden (Marcel Walldorfs „Petra“) oder Salzburg (Gelatins „Arc de Triomphe“) weiß.

Jedenfalls baute man die Palmen ab, und fast wären sie in Vergessenheit geraten, aber Anfang März tauchten sie wieder auf – und zwar als Nachrichtenmeldung, weil sie verschwunden waren. Gestohlen vom Hof, auf dem sie gelagert hatten. Damit befindet sich der „Metallkünstler“, wie Ralf Ziervogel von der Mitteldeutschen Zeitung liebevoll genannt wird, in bester Gesellschaft, selbst die schwersten Klöpse von Henry Moore sind ja vor Metalldieben nicht sicher, aber da sich Ziervogel zu diesem Zeitpunkt eh schon von seinem Werk verabschiedet hatte, fühlte er sich angesichts der Wertschätzung, die seiner Arbeit nun wiederfuhr, nicht geehrt.

Aber jetzt kommt’s: Auf einmal sind die gestohlenen Palmen wieder aufgetaucht. Beziehungsweise, sie waren nie weg. Der Pächter des Grundstücks, auf dem sie lagerten, „habe die Palmen aus bislang unbekannten Gründen auf einen Anhänger gelegt und abgedeckt. Sie seien nicht zu sehen gewesen“, heißt es in einer Mitteilung von der Pressesprecherin der Stadt. Nun wissen laut jüngeren Untersuchungen selbst Hunde, dass auch außerhalb ihrer Sicht befindliche Dinge sehr wohl da sind. Das Prinzip „was man nicht sieht, ist nicht da“ kann man wohl getrost als imaginationsfeindlich bezeichnen. Insofern hat die jüngste Wendung in der Palmenposse zumindest eines gebracht: die Erkenntnis, dass die Stadt Aschersleben ihre Palmen wirklich nicht verdient hat.

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Photo© diese und erste Abbildung: Birk Karsten Ecke

Mindestens einen Bürger, der Ziervogels Palmen zu schätzen wusste und verstand, gibt es in Aschersleben aber doch: er heißt Birk Karsten Ecke und hat die Installation an einem Juninachmittag fotografiert. Sein Blick auf die Palmen: als säße man in einem Cabrio und lege den Kopf in den Nacken, hoch über sich die Palmenwedel wie Scherenschnitte gegen das gleißende Sonnenlicht, vielleicht in einem Ford Thunderbird neben Thelma oder Louise, oder in einem Cadillac Eldorado neben Hunter S. Thompson, auf der Reise nach Kalifornien oder Las Vegas, oder nach Persien, wohin einst Adam Olearius reiste, der Vater der Gartenschau, und nach ihm viele andere, die sich auf die Suche begaben, nach den Mysterien des Orients oder sich selbst.

Vielleicht haben die Palmen-Verantwortlichen Angst, die Ascherslebener könnten angesichts der Palmen ihrer Sehnsucht nachgeben und Aschersleben zur Geisterstadt machen. Vielleicht muss ihnen aber auch nur jemand sagen, dass das Reisen in der Vorstellung meist schöner ist als in der Realität. Dann werden sie die Palmen wieder aufbauen.

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